Vorbemerkungen:
Ausgangspunkt meiner Darstellung sind verschiedene Funde aus meinem Heimatort Niedenstein-Kirchberg in Nordhessen, die mich seit meiner Kindheit faszinieren. Zum einen gibt es dort frühmittelalterliche Gräber mit vergleichsweise üppigen Grabbeigaben aus dem 8., teilweise aus dem 9. Jahrhundert, zum anderen gibt es noch einen lokal recht populären Lesefund einer Emailscheibenfibel, deren an moderne Symmetrievorstellungen angepasste Zeichnung seit Jahrzehnten als inoffizielles Ortswappen Kirchbergs fungiert.
Zwischen Merowingern und Karolingern, Heidentum und Christentum:
Ob das frühe 8. Jahrhundert in die Merowingerzeit oder Karolingerzeit fällt, ist umstritten. Historiker rechnen die Merowingerzeit ganz streng bis zum Dynastiewechsel im Jahre 751 n. Chr. - der Einsetzung Pippins als ersten fränkischen König aus karolingischem Geschlecht. Archäologen lassen die Merowingerzeit hingehen meist schon um 700 enden, weil zu der Zeit auch die sogenannte Reihengräberzivilisation endete. Ohnehin waren die Merowinger Ende des 7. Jahrhunderts nur noch Schattenkönige und de facto herrschten karolingische Hausmeier im Frankenreich, sodass hier auch aus historischen Gründen von Karolingerzeit gesprochen werden kann.
Nordhessen war jedoch eine periphere Region des Frankenreiches - weit weg von den Königen, Hausmeiern, Bischöfen usw. Spätestens mit der fränkischen Eroberung des Thüringerreiches 531 geriet auch Nordhessen unter fränkische Herrschaft, ohne das Schriftquellen etwas über Nordhessen überliefern. Was danach dort passierte, bleibt im Dunkeln. Der kulturelle Einfluss der Franken blieb jedoch eher gering. Erst in der ersten Hälfte des 8. Jahrhundert tauchen hier vermehrt Körpergräber mit der Grabbeigaben auf, zuvor waren wahrscheinlich Brandbestattungen in Grabhügeln die Regel. (Ganz vereinzelte Körpergräber der älteren Merowingerzeit in Nordhessen [Fritzlar, Werkel] wurden zumeist als zugewanderte Franken oder Alamannen gedeutet.) In der Zeit der angelsächsischen Mission unter Bonifatius änderten sie plötzlich die Bestattungssitten. Im Rahmen der Missionierung taucht der Volkstamm der Hessen als "Hassi" auch erstmals in den Schriftquellen auf. (Von den germanischen Chatten berichteten römische Quellen zuletzt Anfang des 3. Jahrhundert. 500 Jahre lang gibt es keine historische Nachrichten aus der Region.) Das Kirchberger Gräberfeld befindet sich in Sichtweite des Fritzlarer Doms, dessen Vorgängerbau Bonifatius wahrscheinlich an der Stelle erbauen ließ, an der bis 723 die den heidnischen "Hassi" heilige Donar-Eiche stand. Unter den Grabbeigaben in Kirchberg befindet sich eine silberne Kreuzfibel, die ins frühe 8. Jahrhundert datiert. Diese Fibel ist Zeugnis eines frühes Christentums, gleichzeitig scheint die Idee solche Schätze mit ins Grab zu nehmen ziemlich heidnisch zu sein. Es handelt sich gerade um diese Übergangszeit, in der beide Religionen anscheinend synkretisch vermischt auftraten. Im 9. Jahrhundert wurde direkt über dem Kirchberger Gräberfeld ein erster Kirchenbau errichtet, wahrscheinlich um Grablege einer reich mit Grabbeigaben usgestatteten Gruppe zu würdigen. Zweifellos erhielt das Dorf Kirchberg erste durch diese Kirche seinen Namen. Die Kirchberger Kirche diente danach über ein Jahrtausend lang als Grablege des lokalen Adels.
Idee des Darstellung:
Ziel meiner Darstellung ist die Präsentation eines frühmittelalterlichen Hessen aus dem 8. Jahrhundert, basierend auf Funden aus Niedenstein-Kirchberg, ein Lebensbild mit Kleidung, Schmuck, Geschirr, Waffen etc. Keines der Gräber enthält einen vollständigen Satz an Bekleidung oder gar Bewaffnung. So dass ich mich bei mehreren Fundlagen aus Kirchberg bedient habe. Die Metallgegenstände und ähnliches lasse ich von erfahrenen Handwerkern herstellen. Die dazu passende Kleidung nähe ich selbst von Hand zumeist aus industriell gewebten und chemischen gefärbten Stoffen.
Meine Fibeln:
(eigenes Foto)
Anfangen möchte mich mir der Präsentation dieser beiden Schmuckstücke. Fibeln kommen in mehreren Kirchberger Frauengräbern vor und fehlen in den Männergräben. In der karolingischen Buchmalerei werden jedoch oft auch die Männer mit Scheibenfibeln abgebildet, sodass ich es schon naheliegend finde, dass Männer die gleichen Fibeln wie Frauen trugen. Ohnehin spiegeln die Grabbeigaben vor allem die Bestattungsbräuche und liefern nur ein verzerrtes Bild der frühmittelalterlichen Tracht zu Lebzeiten.
Eigentlich heißt es ja, "jeder nur ein Kreuz", aber ich musste einfach beide haben.![]()
Die silberne Kreuzfibel aus Grab 12 Kirche Kirchberg:
Die Fibel aus Silberblech stammt aus dem Grab eines ca. 5-jährigen Mädchen. Das Kind hat die Fibel zu Lebzeiten meiner Meinung nach genauso wenig getragen wie das Messer. Jedenfalls spricht der gesunde Menschenverstand dafür so etwas nicht einem Kleinkind zu überlassen. Dem früh verstorbenen Mädchen wurden noch ein silberner Ring, silberne Perlen und Glasperlen mit ins Grab gegeben. Das Grab datiert ins frühe 8. Jahrhundert.
Link zur Fibel in der Objektdatenbank des Landesmuseums Kassel
Link zum Messer mit Bild weiterer Beigaben in der Objektdatenbank des Landesmuseums Kassel
Markus Gruner hat diese Fibel original-getreu nachgebaut und die im Original nicht mehr erhaltene Nadel ergänzt.
(eigenes Foto)
Auf dem Kopf trage ich eine selbst genähte Mütze aus Wollstoff, angelehnt an den frühmittelalterlichen Fund aus Aalsum, Niederlande. Auf den wollenen Rechteckmantel und das Band komme ich später noch zu sprechen.
Auf dem Bild erkennbar ist noch ein silberner Münzanhänger des Kaisers Magnentius (350 - 353). Tatsächlich lag in der Doppelbestattung Grab 9 der Kirchberger Kirche eine zum Anhänger umgebaute römische Goldmünze dieses Kaisers, obwohl auch dieses Grab ins frühe 8. Jahrhundert datiert ist. Jene Münze wurde also noch 400 Jahre später als Schatz gehütet.
Die Emailscheibenfibel vom Flur Kohlmännchen in Kirchberg:
(eigenes Foto)
Diese Fibel besteht aus Bronze und wurde auf dem Acker Kohlmännchen in Kirchberg, unweit der frühmittelalterlichen Wüstung Gurthe gefunden. Die Emaille ist im Original nicht erhalten. Das Motiv ist unzweifelhaft ein Kreuz, wenn auch der Kreis in der Mitte des Kreuzes eher ungewöhnlich ist. Sie datiert in die 2. Hälfte des 8. Jahrhunderts oder ins 9. Jahrhundert, d.h. unzweifelhaft in die Karolingerzeit.
Die bunte Farbgebung der Emaille basiert auf meiner Phantasie. Jene Farben waren damals aber schon als Emaille (Glasfluss) möglich. Die Replik wurde von Manuel Margraf geschaffen.
Stoffband nach Grab 180 Kirche Kirchberg:
In Grab 180 unter der Kirche von Niedenstein-Kirchberg blieb direkt unter einer bronzenen Rechteckfibel (datiert auf 2. Hälfte 8. Jahrhundert n. Chr.) ein "schlauchförmig" zusammengenähter Tuchstreifen aus Leinen oder Wolle (widersprüchliche Angaben!) in Leinwandbindung erhalten. Die Giftstoffe der Bronze verhinderten, dass dieser Textilrest von Mikroorganismen zersetzt wurde. Dieses zusammengenähte Band diente wohl irgendwie zur Befestigung der Fibel an einem Kleidungsstück.
(eigenes Foto)
Ich habe das Band nach der Beschreibung der Archäologen aus Leinenstoff nachgenäht. Die Verschlusstechnik habe ich mir selber ausgedacht. Mein Ziel war es die Abbildungen von Bändern unter Scheibenfibeln in der karolingischen Buchmalerei, insbesondere in der Vivian-Bibel, nachzuahmen. Das Leinenband habe ich durch zwei mit Knopflochstich verstärkte Löcher geführt und zusammengeknotet. Ein einfacher Knoten hält den Mantel zusammen; die Fibel sorgt nur noch dafür, dass die beiden Band-Enden wie in der karolingischen Malerei elegant nach unten zeigen.
Fortsetzung folgt ...