Eine museale Tracht muss Hand gewebt und Pflanzen gefärbt sein?

  • Wer lebendige Geschichtsdarstellung im Museum machen möchte, wird früher oder später mit dem ein oder anderen Klischee konfrontiert. Ist, dass ein gewisses Maß an Welt Offenheit und Neugierde wichtig ist, um einen guten Einstieg in eine gute Darstellung zu schaffen, die auch ins Museum passt. Gerade bei Museen der mittelalterlichen Geschichte gibt es eigentlich Klischee, mit dem ich gerne behutsam aufräumen möchte:

    Du musst extra viel Geld investieren, weil deine Tracht Hand gewebt und Pflanzen gefärbt sein muss, um den Anspruch im Museum zu erfüllen. Ebenso muss jede Naht von Hand genäht sein.


    Ich breche das anhand der Erfahrungen von den ETLG, den Ellwanger Tagen, lebendige Geschichte herunter. Bei dieser Veranstaltung handelt es sich eine jährliche Fachtagung für Living History Darstellerin und Darsteller sowie auch für Fachleute aus dem Museum. Die Themen sind äußerst vielfältig und werden von den Teilnehmerinnen und Teilnehmer vorher mitbestimmt. Hier spielt auch die Thematik des Gastgeben Museums eine große Rolle. Aber das ein oder andere lässt sich auch in andere Zeitalter übertragen…

    Muss jetzt wirklich jeder historische Tracht, die im Museum getragen, wird, Hand gewebt und Pflanzen gefärbt sein? Ich persönlich sage vorsichtig, nein. Der durchschnittliche Besucher sieht es nicht wirklich. Aber du, der du dieses Kleidungsstück trägst, weißt wie viel Zeit, Geld und Aufwand in der Herstellung drin steckt und gibst ihm damit deine persönliche Wertschätzung.

    Bei den Nähten von Hand habe ich mit der Zeit meinen eigenen Kompromiss gefunden. Von Hand nähen zu können, ist grundlegend immer und überall, auch im Alltag, eine nützliche Fähigkeit, die dir jederzeit zugute kommen kann. Beispielsweise um einen Knopf anzunähern, eine kaputte Hose zu reparieren, oder mal eben auf Lager etwas auszubessern. Ich schätze aber genauso die Annehmlichkeiten einer modernen Nähmaschine. Deswegen nähe ich mindestens die sichtbaren Nähte von Hand und da ich sehr schlecht mit der Nähmaschine umgehen kann, ne ich meine historischen Gewänder komplett von Hand. nicht um etwas Besseres als die andern zu sein, sondern weil ich das so möchte und mein eigener Anspruch mir das vor gibt.

    Beim Hand,spinnen, Pflanzen färben und Hand weben. Habe ich begriffen, wie wertvoll eigentlich ein Textil im Mittelalter ist. Statistisch betrachtet brauchst du vom Schaf oder von der Ernte der Pflanze wie Flachs, Brennnessel, Hanf und Co. bis zum anziehen des fertigen Textils etwa sechs Wochen reine Arbeitszeit. Das klingt erst mal absurd. Aber rechne bitte noch mal ein bisschen genauer nach:

    Wie viel Zeit verbringst du mit der Aufbereitung der Fasern?
    Wie viel Zeit verbringst du am Färbekessel? Ich gehe mal davon aus, dass du gerne bunte Kleidung haben möchtest.

    Und wie viel Zeit verbringst du am Webstuhl und beim nähen?
    es gab vor einigen Jahren eine Ausstellung im Alamannen Museum zum Thema Textilien im beginnenden frühen Mittelalter. Ich habe mir da diesen statistischen Wert geborgt. Und das eigene Erfahrung kann ich Ihnen grundlegend bestätigen. Auch wenn ich nicht alle handwerklichen Schritte bis zum fertigen Gewand durchgegangen bin. Die Rechnung ist für mich durchaus realistisch. Und wenn ich neben zu noch mein tägliches Brot verdienen muss, dann noch mehr. Inzwischen nehme ich als moderner Mensch im 21. Jahrhundert diese zeitliche Angabe mal vier, weil der Alltag immer wieder irgendwelche Überraschung bereithält.

    Soweit meine Gedanken. Ich freue mich auf einen konstruktiven Austausch zum Thema.

  • Vielen Dank für diesen wertvollen Beitrag!

    Ich sehe das ganz ähnlich. Wie bei Deiner Einstellung zur Näharbeit, kann man auch bei der Färbung unterschiedlicher Meinung sein. Ob die Färbungen immer so gleichmäßig waren, wie heute die chemisch gefärbten Stoffe, vermag ich nicht abschließend einzuschätzen. Grundsätzlich sollte aber nicht unterschätzt werden, das die Handwerkerinnen und Handwerker der unterschiedlichen Gewerke Fähigkeiten entwickelten, die wir kaum erreichen können. Insbesondere dann nicht, wenn wir das Handwerk nur als Hobby betreiben und vielleicht auch noch mehrere dieser Arbeitsschritte vom Schaf bis zur fertigen Kleidung selber durchführen. Arbeitsteilung ist da wirklich sinnvoll. Ich sehe das in beeindruckender Weise bei denjenigen hier oder in diversen Blogs, die sich auf eine Handwerkskunst spezialisiert haben wie z. B. das Weben oder das Spinnen. Die Ergebnisse sind oft deutlich hochwertiger als die maschinell gefertigten Produkte. Bei gut erhaltenen Textilien treibt es mir mitunter Tränen in die Augen, wenn ich sehe, wie fein und gleichmäßig die Kleidungsstücke gearbeitet sind. Da denke ich z. B. an nadelgebundene Seidenhandschuhe eines Bischofs, der im Dom zu Speyer begraben wurde. Fantastisch! Wenn man nur mal Wollstoff betrachtet, so glaube ich, dass man nicht sehen muss, ob er von Hand oder maschinell gewebt wurde. Daher gehe ich bei Deinem "vorsichtigem nein" mit. Und meiner bescheidenen Erfahrung nach, wird im musealem Bereich auch mitunter "nur mit Wasser gekocht". Es scheint, dass das, was auf dem Papier steht, nicht immer das ist, was tatsächlich getragen wird.

    Sechs Wochen Arbeitszeit für ein Kleidungsstück könnte stimmen, wenn man davon ausgeht, dass alle Gewerke professionell ausgeführt werden. Wenn ich nur daran denke, wie lange das Kardieren oder Kämmen von Hand dauert, ist es meiner Meinung nach die Zeit, die man mindestens benötigt - eher mehr.

    „Der Unterschied zwischen Gott und den Historikern besteht hauptsächlich darin, dass Gott die Vergangenheit nicht mehr ändern kann.“

    Samuel Butler (Schriftsteller)

  • Ich denke es sollte der eigene Anspruch und das was dargestellt werden soll den Grundgedanken beinhalten.

    Handgesponnene Garne und -gewebte Stoffe sehe ich nicht unbedingt als "Muss so" für eine museal taugliche Darstellung, ebensowenig wie Pflanzenfärbung selbiger.

    Das gilt jedoch nur wenn das Paket "Lebensweisen, Aussehen, Arbeit, Alltag" mit nachempfundenen Geräten, Keramiken, Kleidung dargestellt werden soll.

    Liegt der Fokus darauf etwas über Kleidung und deren Herstellung vermitteln zu wollen verbietet es sich von selbst. Vom Schaf zum bunten Tuch glaubwürdig darstellen geht modern nicht so wirklich.

    Für mich selbst habe ich meines inneren Monks wegen beschlossen für die Hobbykleidung komplett auf die Maschine zu verzichten. Es wird alles mit Hand genäht, selbst wenn es länger dauert. Stoffe sind teilweise handgewebt, ebenso sind sind einige Pflanzenfärbung.

    Dann gibt es zu Museen ebenfalls etwas zu berücksichtigen. Nämlich WANN mit welchem Wissensstand die dort gezeigten Kostüme entstanden. Wer schon einmal auf der Marksburg war weiss von was ich schreibe. Ebenso nach heutigen Maßstäben "grottig" ist das privat betriebene "Besiedelungsmuseum" in Reykjavik. Die dort ausgestellten Figuren zeigen verschiedene Epochen der isländischen Geschichte zwischen Endeckung und zwangweisen Christianisierung, Endeckung Grönlands und Nordamerikas. Die Kostüme sind um Längen besser als das was auf einem heutigen durchschnittlichen Mittelaltermarkt zu sehen ist, doch sind sie nach heutigem Wissenstand fehlerhaft.

    Es ist halt immer die Frage was will ich vermitteln, was darstellen und vor allem: welchen Aufwand will ich betreiben, wie tief in die Materie eintauchen.

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