Geschichte als Hobby - betreiben wir Realitätsflucht?

  • Hallo zusammen, ich stelle das Thema bewusst in Aller Anfang ist schwer, da auch Einsteiger diese Frage früh hören werden / können.

    Wir alle kennen die Frage "Sagen Sie mal, möchten Sie immer so Leben?" - "Als Erwachsener Ritter spielen?" - "Ist das so ne Art Realtiätsflucht?"

    Und gestern stellte sich die Frage, ist nicht jedes Hobby Realitätsflucht, sei es Spiele, Basteln, Sammeln und in Teilen Sport? Bzw alles, was nicht der Deckung der Grundbedürfnisse dient, ein Ausgleich zum Alltag, zum Aufladen der Batterien? Es ist schon fast amüsant: Wenn jemand 90 Minuten lang elf Männern dabei zusieht, wie sie einem Ball hinterherjagen, nennt man das "Fantum". Wenn jemand im Wald sitzt und versucht, mit Feuerstein ein Feuer zu entfachen, nennt man es plötzlich "Realitätsflucht".

    Die Grenze zwischen "Hobby" und "Eskapismus" (Realitätsflucht) ist meiner Meinung fließend - und oft zu negativ belegt.

    Warum erzeugen Reenactors, Mittelalterfans und LARPer diese Reaktionen? Dass wir diese Fragen öfter hören als Briefmarkensammler oder Marathonläufer, liegt meist an der Sichtbarkeit und der Fremdartigkeit. Sobald man eine Rolle einnimmt, die optisch stark vom 21. Jahrhundert abweicht, assoziieren Außenstehende das mit "Kinderspiel" oder "Theater". Da Reenactment und LARP oft das gesamte Leben (Essen, Schlafen, Kleidung) simuliert, wirkt es auf Außenstehende invasiver als ein Hobby, das man nach einer Stunde wieder in den Schrank stellt. (Man könnte sich auch Fragen, warum sich die Fragesteller das "Kinderspiel" oder "Theater" ansehen...).

    Psychologisch gesehen ist es aber wie jedes Hobby. Alles, was über die reine Selbsterhaltung (Essen, Schlafen, Sicherheit) hinausgeht, dient der Selbstverwirklichung oder der Psychohygiene. Und ist "Eskapismus" eigentlich etwas Schlechtes? Das Wort ist so oft negativ behaftet, es suggeriert Leuten, dass man in einer Fantasiewelt lebt, die Bodenhaftung verloren hat, etc. Was meiner Ansicht nach Blödsinn ist! Im Gegenteil, die Fähigkeit zur "Realitätsflucht" ist eine wertvolle kognitive Leistung. Es schafft einen wichtigen Ausgleich. Wer das ganze Jahr im Büro vor Excel-Tabellen sitzt, findet beim Schmieden oder Nähen eine haptische Befriedigung, die der Alltag nicht bietet. Und auch eine oft verlorene Wertschöpfung. Reenactment ist oft eher eine Realitätserweiterung. Man lernt, wie mühsam, aber auch befriedigend es war, Kleidung herzustellen oder Wasser zu holen. Das schärft den Blick für den Luxus der Gegenwart.

    Ich sehe es ja an mir: Mein erster Broterwerb war Gartenbau, 3 Jahre Lehre, 1 Jahr Verkauf, 3 Jahre Geselle. Am Ende des Tages sah ich einen neuen Frühbeetkasten, XY Quadratmeter gepflanzte Usambara Veilchen, ABC Kubikmeter gemischte Erde, etc. Dann kam die IT Ausbildung. Bis dahin war mein "Eskapismus" von der körperlichen Arbeit Pen&Paper Rollenspiel. Je sitzender mein Broterwerb und Alltag wurde, desto aktiver meine Hobbys, Mittelalter und Bushcraft haben, für über 10 Jahre, Pen&Paper komplett verdrängt (ich musste es teilweise wieder "lernen"). Aktuell bewegt sich der Zeiger wieder gegen Mitte, die Events an denen ich teilnehme werden weniger, Pen&Paper wird wieder aktiv. Outdoor als Hobby bleibt wichtig - und ich merke gerade, dass das Ungleichgewicht auch an meinen Batterien zehrt. Mir geht es fast wie dem alten Bilbo im Herrn der Ringe - ich will wieder raus, will Berge sehen!

    Mein Senf dazu: Wer fragt "Möchten Sie immer so leben?", versteht meist das Konzept des "Urlaubs vom Ich" nicht. Niemand fragt einen Wanderer, ob er für immer im Zelt auf dem Mount Everest leben will. Niemand nimmt an, dass ein Warhammer 40K Spieler wirklich für den Gottimperator sterben will. Niemand nimmt an, dass ein Marathonläufer jeden Tag mit Muskelschmerzen ins Bett gehen will. Man macht es gerade deswegen, weil es zeitlich begrenzt ist.

    Vielleicht ist die beste Antwort auf die Frage nach dem "Erwachsenen Ritter" einfach: "Ich spiele nicht Ritter, ich studiere lebendige Geschichte – und was ist Ihre Entschuldigung dafür, dass Sie am Wochenende nur vor dem Fernseher sitzen?" (Ein bisschen Biss darf ja sein.). Nur so meine Gedankengrütze...

    Reenactmentwebseite (multiperiod): https://www.jordheim.info/
    Outdoor & Waldhandwerk (pausiert): https://huginfell.de/
    𝒩𝓊𝓇 𝓋ℯ𝓇𝒶𝓃𝓉𝓌ℴ𝓇𝓉𝓁𝒾𝒸𝒽, 𝒻𝓊̈𝓇 𝒹𝒶𝓈 𝓌𝒶𝓈 𝒾𝒸𝒽 𝓈𝒶ℊℯ, 𝓃𝒾𝒸𝒽𝓉 𝓌𝒶𝓈 𝒟𝓊 𝓋ℯ𝓇𝓈𝓉ℯ𝒽𝓈𝓉!

  • Realitätsflucht ist für mich das gefühlt extrem zunehmende permanente Doomscrollen kreuz und quer durch unzählige Social- Media Kanäle. Ohren mit "Buds" verstopft, die Augen auf dem Bildschirm, nichts vom realen Leben um sich herum mitbekommen, sich komplett vom Alltag abschirmen.

    Geschichtsdarstellung ist für mich ein Hobby wie jedes andere auch.

  • In dem Fall beschreibst Du aber die "echte" Realitätsflucht, mit abkappseln und abschirmen. Ich sehe es wie Du, es ist ein Hobby.

    Reenactmentwebseite (multiperiod): https://www.jordheim.info/
    Outdoor & Waldhandwerk (pausiert): https://huginfell.de/
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