Klappbarer römischer 'Zollstock'
Material: Bronze
Abmessungen: 296 x 4 x 4 mm
Originalfund: Obj. ID 20319, London Museum
Ort und Zeit: London, 1. - 2. Jhd. n. Chr.
Anspruch: fundnah / belegorientiert
Die meisten von uns werden es kennen - man entdeckt ein archäologisches Fundstück, hat im Rahmen seiner Darstellung absolut keinerlei sinnvolle Verwendung dafür, aber findet es so cool, dass man es unbedingt haben möchte.
So ging es mir mit diesem klappbaren Zollstock. In einem Aufsatz über römisches Schreibgerät darüber gestolpert, etwas recherchiert und ein paar gut erhaltene Exemplare mit detaillierten Fotos entdeckt.
Das Engelchen auf der einen Schulter hat geflüstert 'nettes Teil, aber was willst Du damit?'.
Und das Teufelchen auf der anderen Schulter meinte: 'Geiler Scheiß, ab mit Dir in die Werkstatt, das Ding bauen wir jetzt nach!'
Die beiden haben dann noch eine Zeitlang diskutiert, aber Ihr wisst alle, wie sowas ausgeht… 😉
Also, erstmal wie gewohnt ein paar Hintergrundinformationen:
Eines der klassischen römischen Längenmaße ist der römische Fuß ('pes') mit einer Länge von 296 mm.
Dieser wurde unterteilt in vier Handbreit ('palmus' mit je 74 mm), 12 Daumenbreit ('unciae' mit ca. 24,7 mm), oder 16 Fingerbreit ('digiti' zu je 18,5 mm).
Dabei taucht die palmus in der Regel nicht gesondert auf, da sie exakt vier digiti entspricht.
Diese Maße und Unterteilungen finden sich auch auf vielen klappbaren römischen Maßstäben. Die Gesamtlänge im ausgeklappten Zustand beträgt dabei genau ein pes, auf einer Seite unterteilt in 12 Segmente, auf der anderen Seite in 16.
So auch bei Fundnummer 20319 im London Museum, gefunden im Walbrook, datiert in die römische Periode. Aufgrund des guten Zustands und der detaillierten fotografischen Dokumentation habe ich diesen als Vorlage gewählt.
Das Original besteht aus Vierkant-Messing, was ich natürlich nicht vorrätig hatte. Ist bei solchen Projekten ja immer so… Ich hatte nur noch einen Rundstab aus Bronze. Also habe ich den genommen und einfach zum Vierkant gefeilt.
Das Scharnier war beim Original sicherlich zusammen mit den beiden Schenkeln des Maßstabs gegossen. Da hatte ich aber keine Lust drauf. Also habe ich zwei kurze Stücke vom Rundstab abgesägt und an die Enden der Maßstab-Hälften angelötet.
Beim Original besteht das Gelenk aus fünf Blättern - drei auf der einen Seite, zwei auf der anderen. Und das bei einer Breite von gerade mal 3 mm. Für so eine Arbeit fehlt mir das notwendige Feinwerkzeug, also habe ich mich für eine vereinfachte Variante mit drei Blättern entschieden. Dazu habe ich in der Mitte des angelöteten Stücks der einen Seite eine Aussparung gefeilt, und auf der anderen Hälfte seitlich jeweils so viel abgetragen, dass beide Hälften gut ineinander passen. Danach habe ich mittig ein Loch gebohrt und mit einer Niete als Achse vernietet.
Im ausgeklappten Zustand werden die Maßstäbe mit einem kleinen Riegel fixiert. Hierzu befinden sich auf der einen Seite zwei Nieten und auf der anderen Seite ein längliches Blech mit passenden Aussparungen, welches auf einer Achse drehbar montiert ist.
Wie bei der Vorlage habe ich auf der einen Seite die Markierungen für die Daumenbreite eingeschlagen und auf der gegenüberliegenden Seite die für die Fingerbreite.
Am Schluss habe ich alles fein abgeschliffen und poliert.
Das Lineal ist ein interessantes Zubehör für mein römisches Schreibset, und wird zukünftig noch durch einen Zirkel und ein paar weitere typische Stücke ergänzt.
Zeitaufwand: 5 Stunden (das blöde Scharnier ist mir zweimal zerbrochen - echt keine Ahnung, wie die Jungs das vor 2000 Jahren in weniger als der halben Materialstärke sauber hinbekommen haben…)
Original im British Museum:
Bildquelle Rekonstruktion: eigene Aufnahmen
Bildquelle Originalfund: https://www.londonmuseum.org.uk/collections/v/…ding-foot-rule/