Migräne im Mittelalter

  • Hallo,

    da ich selbst betroffen bin, habe ich mich dazu mal etwas eingelesen, wobei wenig zu finden war auf den ersten Blick.

    Der Begriff Hemicrania ist tatsächlich der Vorläufer unseres Wortes Migräne. Die Ursache wurde meist in einem „Übermaß heißer Dämpfe“ oder „aufsteigender Dünste“ aus Magen oder Leber gesehen, die sich im Kopf sammelten. Symptome, die dafür als Index genommen wurden, waren halbseitige Schmerzen, Übelkeit („Vomitus“), Lichtempfindlichkeit. Augensymptome (Zucken, Sehstörungen), wurden teilweise schon erkannt, aber nicht als einheitliches Krankheitsbild verstanden. Behandlung war dann Aderlass (vor allem an Stirn oder Arm), Schröpfen, Kühlmittel (Essigumschläge, Rosenöl), Beten und Fasten.

    Bis 1300 tauchte Hemicrania“ regelmäßig in medizinischen Kompendien auf, z. B. im „Pantegni“ (Constantinus Africanus) oder im „Canon medicinae“ von Avicenna. Avicenna beschreibt Hemicrania als Schmerz, „der aus Dämpfen entsteht, die aus dem Magen in eine Hirnhälfte aufsteigen“. Er erwähnt auch Übelkeit, Schwindel, Lichtscheu. Migräne konnte als Prüfung oder göttliche Strafe interpretiert werden, insbesondere bei schweren, wiederkehrenden Anfällen. Manche Heilige litten laut Hagiographien unter Kopfschmerzen (z. B. Hildegard von Bingen selbst), was als Zeichen göttlicher Auserwählung oder Buße verstanden wurde.

    Nach 1300, so scheint es, verfeinert sich die Klassifikation und Beobachtung. In lateinischen und volkssprachlichen medizinischen Handschriften wird „Migranea“ zunehmend als eigenständige Diagnose geführt. Ärzte wie Guy de Chauliac (14. Jh.) oder Henricus von Mondeville nennen Migräne explizit. Es wird zwischen: Cephalalgia (leichte, diffuse Kopfschmerzen), Cephalea (chronische Kopfschmerzen), Hemicrania/Migranea (einseitige, periodische Schmerzen) unterschieden.

    Als Symptome und Begleiterscheinungen werden erwähnt: Lichtempfindlichkeit: „Der Kranke flieht die Sonne und das Feuer.“ Übelkeit und Erbrechen: oft als Reinigung („purgatio“) gesehen – also positiv. Augenlidlähmung oder Sehstörungen: als „Schwäche des Augennervs durch Dämpfe“ beschrieben; teils als Zeichen einer „Melancholie des Gehirns“. Aura-ähnliche Phänomene (Flimmern, Lichtblitze) wurden auch erwähnt, meist als „Lichtteufel“ oder „Trugbilder“. Behandlung Aderlass zu bestimmten Mondphasen (!), Anwendung von Kräuterölen (bes. Rosmarin, Kamille, Baldrian), Diätetik: Vermeidung von Wein, Käse, Schweinefleisch (interessanterweise modern plausibel), Segensrituale, Reliquienkult (v. a. Kopfheilige wie Hl. Denis, dem der Kopf abgeschlagen wurde).

    Vor allem die Erkenntnis Vermeidung von Wein, Käse, Schweinefleisch finde ich interessant, da sowohl Histamin als auch Glutamat als Migränetrigger bekannt sind. Theorethisch sollte ab dem 17. Jahrhundert die Migräne im Adel zugenommen haben, da die eingeführte Tomate große Mengen natürliches Glutamat enthält.

    Habt Ihr euch damit auch mal beschäftigt?

    Reenactmentwebseite (multiperiod): https://www.jordheim.info/
    Outdoor & Waldhandwerk (pausiert): https://huginfell.de/
    𝒩𝓊𝓇 𝓋ℯ𝓇𝒶𝓃𝓉𝓌ℴ𝓇𝓉𝓁𝒾𝒸𝒽, 𝒻𝓊̈𝓇 𝒹𝒶𝓈 𝓌𝒶𝓈 𝒾𝒸𝒽 𝓈𝒶ℊℯ, 𝓃𝒾𝒸𝒽𝓉 𝓌𝒶𝓈 𝒟𝓊 𝓋ℯ𝓇𝓈𝓉ℯ𝒽𝓈𝓉!

  • Ergänzend wäre noch anzumerken, dass in der Antike vermutlich auch Trepanationen, also chirurgische Öffnungen des Schädelknochens, zur Behandlung verwendet wurden. Entsprechende Hinweise finden sich auf sumerischen, babylonischen und assyrischen Keilschrifttafeln. Schädelfunde mit verheilten Knochendefekten weisen darauf hin dass solche Operationen trotz mangelhafter Hygiene und fehlender Anästhesie durchaus regelmäßig überlebt wurden.
    Aber: obwohl auch die mittelalterliche Medizin die Methode der Trepanation kannte wurde diese offensichtlich nicht mehr bei Migräne angewendet - zumindest finden sich dafür keine Schriftquellen mehr.

    It´s not worth doing something unless someone, somewhere, would much rather you weren´t doing it. (Terry Pratchett)

  • Dieses Thema enthält 4 weitere Beiträge, die nur für registrierte Benutzer sichtbar sind.

Jetzt mitmachen!

Sie haben noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registrieren Sie sich kostenlos und nehmen Sie an unserer Community teil!