Sinn oder Unsinn des "Klappenrocks"

  • Schaue ich in meinem warmen Büro sitzenden aus dem Fenster sehe ich Grau in Grau, fliegende Blätter, höre den Wind durch die bald kahlen Äste der Birken vor dem Fenster rauschen und Regen in jeglicher Form. Einfacher gesagt "Herbst".

    In einem anderen Thread fragte ich nach euren Erfahrungen mit Mänteln, hier speziell nach den im FMA verbreiteten Rechteck- und den später aufkommenden Kreismänteln als wärmendes Kleidungsstück. Irgendwie kommen wir mit den bisherigen Ausführungen auf den Tenor "unpraktisch, mehr repräsentativ". Was bleibt also wenn man arbeiten muss und trotzdem warm stecken möchte?

    Für das FMA ist durch unterschiedliche Funde, Bildsteine, Münzen, etc. der so bezeichnete "Klappenrock" nachgewiesen. Ursprünglich wohl eine Tracht der Reitervölker der asiatischen Steppen, drang es in der VWZ in den nordeuropäischen Raum vor. Ob das Ding jetzt, weil es in den gefundenden Abbildungen meist im kriegerischen Kontext zu finden ist, mehr als (Textil)Rüstung oder als normales Kleidungsstück zu sehen ist, lasse ich mal außen vor. Mir geht es um den praktischen Aspekt.

    Bekanntermaßen ähneln der Klappenrock modernen Bademänteln. Lang, weit und auf der Vorderseite zwei übereinander geschlagene Dreiecke. Alles zusammen gehalten durch einen Gürtel.

    Jetzt meine Frage dazu an die, die so einen Mantel schon anfertigten und tragen. Habt ihr euch in der Anfertigung an die Vorlagen der Bildsteine gehalten, die für die Vorderseite sehr große Dreiecke aufweisen oder wart ihr eher Materialsparend? Die Frage rührt daher, weil ich mir in meiner Gromizeit so ein nach Bildstein- Vorbild gefertigtes Ding von der Stange kaufte und nicht zufrieden war. Egal was ich unternahm, die Zipfel der Dreiecke baumelten immer unschön herunter und dort wo es warm sein sollte, nämlich über Brust und Bauch, klaffte er auseinander. Der Klappenrock ging nach zwei Jahren an einen der ihn unbedingt haben wollte.

    Im Zuge der Recherche zu Winterkleidung im FMA stieß ich auf einen überdenkenswerten Aspekt.

    In der heutigen Mongolei wird mit dem "Deel" (Quelle: Wikipedia) immer noch ein Kleidungsstück als Mantel getragen, das dem Klappenrock sehr nahe kommt. Im Unterschied zu diesem weist der Deel zwei annähernd parallel laufende und nur im Ärmelbereich ausgeschlittene Vorderteile auf. Übereinander geschlagen, mit zwei Stoffbändern und einem Gürtel geschlossen stellt es ein seit Jahrhunderten fast unverändertes Kleidungsstück dar. Durch die Überlappung ist die Brust bis zum Hals geschützt, überlange Ärmel schützen die Hände, ein stehender Kragen den Nacken. Die Winter in der Mongolei werden ebenfalls lt. Wikipedia im Durchschnitt bis zu -25° C kalt.

    Jetzt eine hypothetische Frage: wäre es denkbar, dass ein mehr dem Deel ähnelndes Kleidungsstück im heutigen Europa getragen wurde? Denn wir kennen eigentlich nur stark stilisierte Abbildungen und wenige Stoffunde, die alle eines gemeinsam haben: sie können sehr weit interpretiert werden.

  • Beim Klappenrock gibt es grundsätzlich zwei Ausführungen. Die Vendelzeitlichen , mit einer Länge ähnlich einem Bademantel, und die Wikingerzeitlichen, die wie eine Jacke bis zur Hüfte reichen. Wird als Weiterentwicklung vom elitären und dekorativen Accessoire hin zu einem praktischen Kleidungsstück für jedermann gedeutet.

    Sämtliche zeitgenössische Abbildungen und Darstellungen des Klappenrocks zeigen aber im Grunde stets einen mehr oder weniger offenen Brust- und Halsbereich. Das Ding bekommst Du konstruktionsbedingt am Hals nicht dicht. Außer, Du weichst ein wenig von Hägg's Rekonstruktion ab und formst den Halsausschnitt ein wenig aus, dann passt das. Da ohnehin bei den Fragmenten kein Halsteil erhalten ist, kannst Du an dieser Stelle ruhig interpretieren.

    Enige der Fragmente des Klappenrocks sind übrigens doppellagig mit Futtermaterial dazwischen. Spricht also definitiv für ein Kleidungsstück mit optimiertem Wärmeschutz.

    Zu den Zipfeln sagt man (Quelle müsste ich nachschauen, ich glaube es war Thor Ewing), dass der äußere davon mit einer Fibel im Hüftbereich fixiert wurde.

    Beim inneren Zipfel ist meine Theorie ein Bändchen. Also ähnlich so, wie man eine Judo-Jacke innen sichert. Beleg dafür habe ich keinen, wäre aber denkbar und erscheint mir logisch.

    Eine andere Interpretation legt die Zipfel nicht übereinander, sondern die Kanten stoßen vorne vertikal gegeneinander, ggf. überlappend, und werden mit Knöpfen (spekulativ) oder Bändern geschlossen. Ist durch Abbildungen und Figuren nicht belegt, aber die Fragmente lassen diese Variante durchaus zu

    Wenn wir mal bei Haithabu bleiben, gibt es da noch dieses vermeintliche Loden-Wams. Ist ein bisschen Glaubenssache, ob man der Hägg'schen Interpretation folgen mag. Wäre aber anhand der Fragmente okay, und meines Erachtens spräche auch nicht viel dagegen.

    Vorne geknöpfte und oben geschlossene Kleidungsstücke finden wir ab Birka ostwärts. In Birka die Kaftanartige Svita, und in Moshchevaya Balka ähnliche Stücke, aber mit anderem Schnitt. Allerdings sind die Funde eher schick als dick und warm.

    Geht beides grob ein bißchen in die Richtung Deines Deel, ist aber von Westeuropa schon ein ganzes Stück weit weg.

    Umhang/Mantel - egal welche Ausführung und welche Länge - fände ich zum Arbeiten nur bedingt geeignet. Mag ich nicht dran glauben, weil es doch irgendwie alles unpraktisch ist.

    Von allen Möglichkeiten macht aus meiner Sicht das Wams/die Weste noch am meisten Sinn. Ist letztlich nur ein dickes Oberteil ohne Ärmel, ohne ein gesondertes zusätzliches Schnittmuster.

    Platz zwei der abgewandelte Klappenrock mit gerader Kante vorne. Wäre wie eine schlichte Jacke. Praktisch und warm.

  • Zu den Abbildungen in der germanischen Kunst der Vorwikingerzeit:

    Abbildungen des Klappenrocks sind vor allem von Guldgubber und Pressblechen der Vendelzeit bekannt. Es gibt aber sehr ähnliche Abbildungen aus dem gleichen Zeitraum bei den Angelsachsen, Franken und Alamannen. Es handelt sich beim Klappenrock keineswegs um skandinavischen Phänomen. Auffällig ist bei diesen Abbildungen der Vendel- und Merowingerzeit, dass diese Figuren in Klappenröcken keineswegs naturalistisch gestaltet.

    Eine Übereinstimmung all dieser Bilder der germanischen Kunst des 6. und 7. Jahrhunderts scheinen der V-Ausschnitt, die langen Ärmel und der Gürtel zu sein.


    Byzantinischer Skaramandion:

    Der Klappenrock war ein allgemeiner Trend in Europa und der näheren Umgebung. Auch die Byzantiner übernahmen solche Reitermäntel von den Persern, Hunnen, Awaren, Bulgaren etc. Die byzantinische Version ist als Skaramangion bekannt. Der Trend kommt jedenfalls irgendwie aus dem Osten. Ob jetzt die Krieger der Vendelzeit die Awaren imitierten oder die Byzantiner bleibt unklar.

    Tatsächlich gibt es mehrere vollständige Funde von persischen, byzantinischen oder koptischen Reitermänteln aus Antinoupolis, Ägypten. Einer dieser Mäntel wird in Berlin aufbewahrt. Besondere Beachtung verdient das erhaltene Bindeband auf der Innenseite der Brustplatte. Anders als die Klappenröcke in der germanischen Kunst hat dieser Reitermantel aus Ägypten keinen V-Ausschnitt. Link zu Staatliche Museen Berlin.


    Haithabu-Klappenrock:

    Inga Hägg deutete ein wikingerzeitliches Textilfragment aus Haithabu als Teil eines Klappenrocks so ähnlich wie auf den vendelzeitlichen Abbildungen. Das erste Problem ist, dass der von ihr rekonstruierte Klappenrock nur hüftlang ist, während auf den Pressblechen und Guldgubbern knie- bis knöchellange Klappenröcke abgebildet sind. Das zweite Problem ist , dass all dies Abbildungen mindestens 300 Jahre älter als das Textilfragment aus Haithabu sind. Es gibt meines Wissens keine Abbildung eines Klappenrocks in der Kunst der Wikingerzeit. Das dritte Problem ist natürlich noch, dass das Textilfragment so klein ist, dass es genauso gut ein ganz anderes Kleidungsstück sein könnte.

    Das ganze Thema Klappenrock der Wikingerzeit hat schon ziemlich hypothetischen Charakter. (Ich möchte jetzt nicht alle darauf basierenden Reenactorismen besprechen, die aus der Mittelalterszene inzwischen dazuerfunden wurden.)

    4 Mal editiert, zuletzt von Adgandestrius (28. Oktober 2025 um 20:06)

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