Der Winter naht- eure Erfahrungen mit dem Mantel im Winter

  • Bekanntlichermaßen haben wir weniger gemütliche Jahreszeiten mit Schietwetter. Kälte, Wind, Wasser in diversen Formen von feinem Fusselregen bis hin zu fester Konsistenz oft in Kombination. Dagegen müssen wir uns schützen. Im modernen Leben ist das nicht sonderlich schwierig, die Bekleidungsindustrie hat für jede Witterungslage die passende Kleidung.

    Wie sieht das aus, wenn wir im Hobby Veranstaltungen im Winter haben? Bleiben wir in der Rolle und versuchen uns so wie unsere Vorfahren mit dem zu schützen was es damals gab oder nutzen wir dort, wo es nicht sichtbar ist, doch die modernen Errungenschaften?

    Auf der letzten Veranstaltung Ende Oktober mit kalt, viel Wind und zum Glück nur sehr geringer Nässe trug ich passend zur Zeitstellung um 800 über mehreren Lagen Wolle einen größeren Rechteckmantel. Zum darin einwickeln, stillsitzen oder dekorativem Herumstehen eine super Sache, doch sobald es ans Arbeiten geht sind die Dinger meiner Ansicht nach ziemlich unpraktisch. Entweder zu lang und behindern oder klaffen auf und wärmen nicht mehr. Entweder habe ich für mich den Dreh noch nicht raus um trotz der Decke um den Körper arbeiten zu können oder die Mäntel waren doch eher für Repräsentation oder Reisen gedacht. Verschluss mit Fibel auf der Schulter ist z.B. eine tolle Sache um das Jungsspielzeug vorzuzeigen ("mein Sax, meine Spatha, mein Gürtel") oder schnell dran zu kommen, doch praktisch geht anders. Die rechte oder linke Körperseite ist so der Witterung ausgesetzt. In der Mitte verschlossen macht irgendwie mehr Sinn.

    Dem repräsentationszweck entgegen stehen Abbildungen. Im um 818 enstandenen Salzburger Kalenderblatt (Liber calculationis - Quelle: MDZ Digitale Bibliothek) sind auf einigen Monatsbildern (Februar, März, Mai, Juli, September) Männern mit etwa knielangen Rechteckmänteln u. Schulterverschluss bei der Feldarbeit abgebildet. (Da kommt wieder das Thema der Quellenkritik auf. Was wollte der Zeichner damit aussagen und warum nicht im Winter?)

    Mich behinderte der Mantel bei der Arbeit. Also weg damit. Das wurde dann ohne Bewegung trotz diverser Lagen Wolle am Körper recht kühl. Als Ersatz für den Mantel werde ich mir wohl für Arbeiten im Haus eine Weste nach Vorbild der in der Vita Karoli Magni beschriebenen Kleidung von Karl dem Großen "nach Art der Franken", den Funden St. Ulrich und Afra anfertigen. Für außerhäusige Tätigkeiten wird es auf einen Klappenrock (vgl. Bild November aus o.g. Kalenderblatt) aus dickerem Stoff hinaus laufen. Die bei Falk, Hägg u. Anderen zu lesende Beschaffenheit aus Flokati- artigem Material lasse ich in diesem Fall. Das hält sicher super warm, kommt im Zusammenhang mit Feuer und meiner Vorliebe für flüssige Werkstoffe nicht so gut.

    Das war jetzt ziemlich viel Text. :grinning_face_with_smiling_eyes:

    Wie sind eure Erfahrungen mit Rechteck- oder den diversen Kreismänteln? Wie groß sind sie, bei welchen Gelegenheiten bzw. Tätigkeiten tragt ihr sie, wie haltet ihr die zusammen damit sie nicht ständig aufklaffen, was tragt ihr darunter um nicht doch auszukühlen?

  • Jetzt kommt von mir auch ein langer Text.
    Meine persönliche Herangehensweise in "meiner" Zeit um 1300:
    die Kreismäntel sehe ich hauptsächlich als repräsentatives Accessoire.
    Zum einen, weil Mäntel auf Abbildungen / Statuen oft sehr drapiert dargestellt werden. Soll wohl zeigen "Seht mal, ich brauche meine Hände nicht zum Arbeiten. Ich kann mich damit beschäftigen, möglichst dekorativ auszusehen".
    Zum anderen, weil es beispielsweise in erhaltenen Zunftordnungen den Hinweis gibt, dass Meister / Meisterinnen nicht ohne Mantel aus dem Haus gehen sollen, um ihren Stand und die Zunft zu repräsentieren.
    Aus eigener Erfahrung heraus finde ich sie auch zu unpraktisch zum Arbeiten. Wenn ich ihn trage, dann nur zum dekorativ herumsitzen. Und da ich das selten tue, wird meiner kaum gebraucht.

    Außerdem frage ich mich, ob das nicht ein modernes Problem im Hobby ist.
    Wie oft wäre ein Mensch im Mittelalter im Winter wohl ganztägig draußen gewesen?
    Auf den Äckern gab es nicht mehr viel zu tun, das Vieh war im Stall - da war es warm.
    Hatte man als Bauer im Winter viel Überschuss, der in der nächsten Stadt zu verkaufen gewesen wäre?
    Als höherer Stand - hätte man Reisen nicht eher vermieden, wenn es ging?
    Und wenn nötig, wäre eine Cappa oder ein Gardecorps wesentlich praktischer gewesen als ein Mantel.
    Zum "kurz Brennholz reinholen oder das letzte Gemüse ernten" hätte man sich eventuell auch kurz ein weiteres Kleidungsstück überwerfen können.

    Ich nutze hauptsächlich meine Cappa, auch wenn ich sie (mit Kapuze) als Alltagskleidung für Frauen nicht 100%ig belegen kann, weil sie schnell angezogen ist, warm und wetterfest für den Weg zum Dixi ist und ich darin auch arbeiten kann. Notfalls kommt der Gürtel einfach drüber, dann schlackert auch nichts herum.

  • Ich handhabe das aus HoMi-Sicht ähnlich wie Birgit - wenn ich mich bewegen/arbeiten muss ist die Cappa mein Mantel der Wahl. Die hat eine Kapuze, ist vorn so lang dass ich mich bücken kann ohne dass sie im Dreck schleift und hinten so lang dass ich mich auch draufsetzen kann. Seitlich ist sie so lang dass sie bei seitlich weggestreckten Arm bis zu den Handgelenken reicht. Für Frauen ist sie zwar leider tatsächlich kaum belegbar, allerdings stellt sich da auch die Frage ob und wie sehr Frauen im Winter längerfristig draussen gearbeitet haben.
    Was den repräsentativen Halbkreismantel angeht - der ist zum Warmhalten zumindest in der Ausprägung als Tasselmantel denkbar ungeeignet, weil halt vorn kein Mantel = nix warm.

    Belegbar auch für Frauen ist dagegen der Gardecorps, allerdings findet man ihn auf Abbildungen eher als Reisemantel und als Überbekleidung für Ärzte, Apotheker und andere Gelehrte, die vermutlich eher nicht körperlich gearbeitet haben dürften.

    Generelles Prinzip bei Kälte ist das Zwiebelprinzip - viele Schichten, möglichst mit dünnen Luftschichten dazwischen, also nicht zu eng. Überbekleidung nach Möglichkeit gefüttert. Und drunter? Da bin ich pragmatisch. Moderne Angoraunterwäsche inklusive langer Unterhosen sind für mich Pflicht, und um den Kopf kommt ein Wimpel aus Wollmusselin mit einem Schleier aus dem gleichen Material drüber.

    It´s not worth doing something unless someone, somewhere, would much rather you weren´t doing it. (Terry Pratchett)

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