Codex V aus Nag Hammadi
Fundort: Nag Hammadi, Oberägypten
Abmessungen: ca. 16 x 12 cm
Material: Leder, Papyrus
Zeit: 2. - 4. Jahrhundert n. Chr.
Dezember 1945, am Fuß des Jabal al-Tarif, rund elf Kilometer nordöstlich der Stadt Nag Hammadi in Oberägypten.
Eine Gruppe von Bauern stößt zufällig auf ein nahezu einen Meter hohes Gefäß aus rotem Ton. Beim Zerschlagen des Kruges kommen dreizehn in Leder gebundene Papyrus-Codices zum Vorschein - gut erhalten, in Leinentücher eingeschlagen, über Jahrhunderte im trockenen Sand verborgen.
Die Codices stellen sich als eine Sammlung früher gnostischer Texte in sahidischem Koptisch heraus.
Apostolische Schriften, die heute zu den neutestamentlichen Apokryphen gezählt werden, entstanden vermutlich im frühen 2. bis 4. Jahrhundert nach Christus.
Mehr als ihr Inhalt hat mich ihre Konstruktion fasziniert. Die Nag-Hammadi-Codices gehören zu den ältesten erhaltenen Beispielen für die Codexform - also gebundene Bücher mit einzelnen Blättern anstelle von Schriftrollen aus Papyrus. Sie markieren damit eine medientechnische Weiterentwicklung der klassischen Papyrusrolle.
Die Codices sind in der sogenannten Single-Quire-Technik gefertigt - eine frühe Form der Buchbindung, bei der alle Doppelseiten (Bifolien) übereinandergelegt, mittig durchlocht und als ein einziger Block miteinander vernäht wurden.
Diese Konstruktion ist zwar einfach, aber technisch anfällig: Da alle Bögen an derselben Stelle gefaltet und durchstochen sind, wirken beim Blättern starke Zugkräfte auf den innersten Bereich des Codex. Besonders die inneren Blätter sind dadurch vom Ausreißen bedroht. Gleichzeitig entsteht durch die Vielzahl übereinanderliegender Bögen eine ungleichmäßige Blockstruktur - außen gespannt, innen gestaucht. Das führt mit der Zeit zu Verformungen, gewölbten Deckeln und einer insgesamt schlechteren Haltbarkeit. Je dicker ein solcher Codex ausfällt, desto instabiler wird er. Zudem lässt sich bei Beschädigung nicht einfach eine Lage austauschen - der gesamte Buchblock muss neu gefasst werden.
Gerade diese konstruktiven Schwächen waren es, die später zur Entwicklung der Mehrlagenbindung führten - einem Bindeverfahren, das die physikalischen Belastungen auf mehrere, kleinere Lagen verteilt.
Der Einband der Codices besteht jeweils aus Leder und ist teilweise mit Klappen und Verschlussbändern versehen. Zur Stabilisierung der Deckel wurden häufig Papyrusfragmente als Kartonage eingelegt.
Codex V zeigt starke Spuren langer und intensiver Nutzung. Sein Ledereinband ist mehrfach ausgebessert und repariert worden. Genau das verleiht ihm einen ganz besonderen Charme, weswegen ich ihn rekonstruiert habe.
Für den Einband habe ich vegetabil gegerbtes Ziegenleder verwendet, die beiden Flicken bestehen aus Resten von Rinds- und Schafsleder.
Nach dem Zusammennähen habe ich den Einband angefeuchtet, die Kanten nach innen geschlagen und fest gepresst. Nach dem Trocknen halten die von selbst, das kennt jeder, der schon einmal eine Messerscheide nass angeformt hat.
Bei den Verschlussbändern aus Leder scheint es, als wären sie einfach durch Schlitze im Einband gezogen worden. Das habe ich deswegen auch so gemacht. Danach habe ich wie beim Original eine Lage Papyrus zur Stabilisierung eingelegt und verklebt.
Das Band in der Umschlagklappe ist besonders raffiniert fixiert. Es führt außen über die Klappe durch einen Schlitz auf die Innenseite, und ist von dort mehrfach auf und ab durch Klappe und Band selbst geführt. Hält bombenfest.
Das Innenleben besteht aus zwanzig Lagen Papyrus, mittig doppelt mit Leinengarn vernäht. Zur Stabilisierung sind wie bei allen anderen Codices innen in der Mittellage zwei dünne Streifen Leder eingearbeitet, außen ebenfalls. Ohne diesen Schutz würde das Leinengarn den Papyrus schnell ausreißen lassen.
Parallelen zu den Codices aus Nag Hammadi finden wir in Oxyrhynchos, ebenfalls Ägypten. Hier sind auf einer antiken Müllhalde rund 500.000 Papyri erhalten, viele als einzelne Seiten bzw. Blätter, teilweise als Doppelseite mit Seitenzahlen. Bestes Beispiel ist ein Fragment aus dem sogenannten Philo-Codex mit der Seitenzahl 289.
Ich mag die rudimentäre Konstruktionsweise, diese frühe Buchform mit ihren Schwächen, die diese Codices so spannend macht. Ich mag den used-Look und die Vorstellung, wie viele Hände den Codex berührt haben, wie oft er geöffnet wurde, und wer das letzte Mal aus ihm gelesen hat, bevor er für viele Jahrhunderte unter dem Sand verborgen war.
Zeitaufwand: ca. 12 Stunden
Bildquelle 1: "The facsimile edition of the Nag Hammadi codices", E. J. Brill, 1975
Bildquelle 2: http://rogerviklund.files.wordpress.com/2010/11/4_nag-hammadi_codices.jpg
alle anderen Bilder : eigene Bilder