Antike Rußtinte: fest oder flüssig?

  • in dem Aufsatz Claus Maywald: Die Schreibtinten. Von der antiken Rußtinte zu den Farbstofftinten der Moderne. In: Librarium; 51(2008), 3, Seite 226-233 stieß ich auf die Aussage, dass römische Rußtinten als fester Block gehandelt wurden, und erst zum Gebrauch aufgelöst. Da dachte ich natürlich gleich an die asiatische Praxis, in der feste Tintensticks vor Benutzung auf dem Tintenstein verrieben werden. Aber dann hätte man römische Tinten-Reibsteine gefunden. Davon habe ich noch nie gehört, und so fiel es mir zunächst schwer, der obigen Aussage Glauben zu schenken. (So bin ich: erstmal alles bezweifeln, und dann erst darüber nachdenken...)

    :smiling_face:Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: Asiatische Tinte ist mit tierischem Leim gebunden, römische Tinte mit pflanzlichen Harzen. Der tierische Leim wird steinhart, ist in kaltem Wasser nur schwer löslich, und kann in gelöster Form nur kurze Teit (ein, zwei Tage) aufbewahrt werden, bevor er entsetzlich zu stinken anfängt.
    Die Römer nutzen bekanntermaßen Harze zur Bindung. Damit lässt sich ein trocken gekaufter Tintenblock daheim in Wasser aufweichen und komplett auflösen, und die flüssige Tinte kann ganz normal aus einem Tintenfass heraus benutzt werden. Man muss nicht jedesmal ein neues Tintenfass kaufen, wenn eines alle ist.

  • Interessant - kann man denn aktuell noch irgendwo solche Blöcke kaufen, oder müsste man sich selbst einen herstellen um das praktisch zu erproben? Und gibt es dafür überlieferte Rezepte?

    It´s not worth doing something unless someone, somewhere, would much rather you weren´t doing it. (Terry Pratchett)

  • die Mischung ist recht simpel: Ruß + Bindemittel +Wasser.

    Die genauen Verhältnisse hängen vom Bindemittel ab (Gummi arabicum und Kirschgummi sind wasserlöslich, Dammarharz und viele andere Harze sind alkohollöslich, Honig ist von Natur aus pastos), und anstelle von sturer Rezepttreue sollte man Schreibproben machen: wenn man die getrocknete Tintenschrift wegwischen kann, fehlt noch Bindemittel. Das Wasser dient in diesem Fall nur dem Anlösen des Bindemittels.
    Heutige Shops, die ihre Geschäfte mit alten Tinten machen, verkaufen ihre "römische Tinte" flüssig. Mich hat immer gewundert: Es gibt viele archäologische Tintenfässchen aus römischer Zeit, aber die waren nicht verschließbar und somit nicht transportabel.
    siehe Bild: Quelle: the MET.
    Wie hat man also die Tinte gekauft?
    Jetzt macht es für mich auf einmal Sinn: Trockenstück kaufen, zuhause einweichen und dann aus dem eigenen Fässchen verbrauchen.

    die vier überlieferten Rezeptstellen aus dem oben zitierten Aufsatz:
    Vitruv: de architectura III, cap. X
    Plinius: Naturalis historia XXXV, cap XLI
    Dioscurides: de materia medica V, CLXII
    Philon von Byzanz: veteres mathematici

    Einmal editiert, zuletzt von Fabian Peise (11. Mai 2025 um 22:35)

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