Posts by Fabian Peise

    Das war vor einem Monat, Mitte Juni. Ich erinnere mich, wie leicht die grüne Rindenschicht beim Klopfen vom holzigen Kern der Brennnessel abgesprungen ist. Jetzt ist Mitte Juli, und die Brennessel steht in der Blüte. Ich habe es noch einmal probiert, und dabei festgestellt, dass die überwiegenden Exemplare ihre Rinde nicht mehr loslassen. Man kann nur drauf rumklopfen bis der Holzkern krümelig wird, und das Gesamte dann wegwerfen. Bei wenigen einzelnen Stielen ging es noch ab, so etwa 3 von 50 Exemplaren.

    Beim Flachs gibt es die Verarbeitungsschritte: Rösten - Brechen - Hecheln. Beim Brechen wird der Holzkern gebrochen, nicht die Bastfasern. Die Leinenfaser soll nicht gebrochen werden, sondern möglichst lang erhalten bleiben.

    Darum unterscheidet man Langfaserleinen, aus dem hochwertige Stoffe gewebt werden, und Werg, also Kurzfaserleinen. Werg fällt beim Hecheln als Nebenprodukt an. Im Bereich gewebter Stoffe ist Langfaserleinen also der Normalfall. Historisch wurde allerdings fast nichts weggeworfen. Deshalb wurde auch Werg versponnen, beispielsweise für grobe Säcke, oder Segeltuch geringerer Qualität.
    Und heute? Da maschinelle Spinnverfahren auch mit kürzeren Fasern gut arbeiten können, enthalten manche preisgünstigen Leinenstoffe durchaus einen höheren Anteil kürzerer Fasern oder sind mit Baumwolle gemischt.

    Ich vermute, dass Reiren ausschließen möchte, dass dem Stoffgarn Werg oder recycelte Kurzfasern beigemischt wurden. In diesem Fall wäre meine Idee, den Hersteller nach seinem Rohstoff zu befragen.

    ich suche nach Nachweisen, ab wann die Menschheit eigentlich typische Sekundärmineralien wie Alaun oder Vitriole, wie sie in der Erzgewinnung anfallen, nutzte. Für Kupfervitriol komme ich nur bis ins 4. Jh v.u. Z zurück, für Alaun habe ich bislang nur sehr spekulative Quellen, die eine Nutzung ganz beeindruckend im 2. Jahrtausend v.u.Z vorschlagen, gefunden. Da sich ja viele von uns mit dem Beizen von historischen Stoffen beschäftigen, wäre meine Hoffnung, dass die Schwarmintelligenz vielleicht eine Spur bringt. Getreu dem immer wieder gern strapazierten Motto "die waren ja damals auch nicht doof" kann ich mir kaum vorstellen, dass die Menschen, als sie nachweislich mit dem Bergbau angefangen hatten, keinen Blick hatten für die seltsam schmeckenden Abwässer ihrer Lagerstätten, oder die bunten Kristalle die dort nach dem Regen überall von selbst aufwuchsen.
    Der Artikel "Yellow for the Miners? A Bulk Find of Reseda luteola L. from a Bronze Age Copper Mining Site" [iansa.eu/] erwähnt zum Beispiel Funde von Resada-Samen aus der Zeit 3179 v.u.Z., und spekuliert man hätte nicht ohne eine Beize mit Reseda gefärbt. Doch diesen Hoffnungsschimmer nehmen die Autoren in der nächsten Zeile wieder fort, denn die gefundene Menge von Resadasamen sei zu gering, um mit Sicherheit von einem Hort zu sprechen, der mit Färberei zu tun habe. Immerhin für die Zeit ca 1050–780 v.u.Z. haben sie einen Fund vorzuweisen, der die Verbindung zur Textilfärberei nahelegt. Schön, das ist bereits spekulativ. Nun auch noch weiterzuspekulieren, dass man dann ja sicherlich auch eine Beize zur Hand hatte, ist für meinen Geschmack etwas weit aus dem Fenster gelehnt.

    die Pressemitteilung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe bietet gutes Bildmaterial. Kaum vorzustellen, dass all diese Schriftzeilen auf 8x5 cm hingekritzelt sind! 🫢. Es stehen darin verschiedene Texte:
    112589.jpg ist wohl eine Invocation an einen Heiligen, dessen Name mir unsicher ist: Mit genügend sicher lesbaren Textstellen, die der Aussschitt durchaus bietet, kann man vielleicht eine Belegstelle für den vollständigen Wortlaut finden. Die untere Tafel lässt mich ratlos zurück, vielleicht könnte man mit Kontrastanpassunng noch einige Buchstaben herauskitzeln?
    112590.jpg ist ein weltlicher Text, vielleicht Entwurf zu einer Urkunde. Die untere Tafel ist bis auf ein "abcde" frei, d.h. der vorherige Eintrag ist durch Glätten gelöscht.
    112591.jpg ist oben sehr schwer lesbar, denn der vorherige Text schaut palimpsestisch durch und der Haupteintrag ist undeutlich. Dafür scheint wieder auf der unteren Tafel ein Teil lesbar, doch ich kann mir keinen rechten Reim auf die Buchstaben machen, die ich da erkennen kann.
    Und mehr Tafeln wurden leider nicht abgebildet.

    Das ist typisch für säurehaltiges Papier. Wenn der Abbau des Lignins schon so weit fortgeschritten ist, hilft bei professionellen Sammlungen nur die teure und extrem aufwändige Entsäuerung. Da ist privat gar nicht dran zu denken. Da der Abbau noch weiter fortschreitet, ist die einzige Rettung die Digitalisierung.

    Die berühmten Nowgoroder Birkenrindenurkunden gehen bis ins 11. Jahrhundert zurück. Ein textlicher Zufallsfund aus dem Ruhrgebiet führt noch weiter in die Vergangenheit: Der Historiker Johann Dietrich von Steinen (1699- 1759) berichtet von uralten Urkunden, die nicht auf Pergament, sondern auf Birkenrinde geschrieben waren:

    Westphälische Geschichte, Band 3: „Man soll zu Essen in der Abdissinen Archivo darvon wahre nachrichtungen, auf Berckenbast geschrieben, finden, dass als Carolus Magnus Westphalen zum Christenthum gebracht, einer genannt Tablo van Eckel, habe diesen ganzen tractum uber 30 Meilen in seiner Macht gehabt, und sich dessen ein Herr geschrieben, wie mir Georg von Strünkede gesagt, dass er zu Essen solche Nachrichtungen gelesen.“

    es gibt schon ein paar mehr frühmittelalterliche Zeugnisse für den Zeugdruck,

    Ich muss mich hier selbst berichtigen. Es gibt keine Nachweise für Zeugdruck oder auch Holzschnitte auf Papier vor um 1400. Die genannten Beispiele in der Literatur sind Fälschungen des 19. Jahrhunderts. Ich zitiere aus Leonie von Wilckens: Der spätmittelalterliche Zeugdruck nördlich der Alpen. In: Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums 1983.

    Quote

    Es gibt bestimmte neue Erkenntnisse die sogar in einigermaßen überschaubaren Forschungsbereichen wie der textilen Kunstgeschichte weithin unbekannt bleiben, nicht weil sie nicht angenommen, sondern weil sie schlichtweg übersehen werden, man sich lieber und einfacher an die alten noch und noch wiederholten Einsichten hält. So gehört es nach mehr als 20 Jahren offenbar nicht zur allgemeinen Kenntnis, dass 1962 Donald King die meisten der vor fast 90 Jahren durch Robert Forrer vorgestellten mittelalterlichen Zeugdrucke, die danach in eine Reihe hervorragender Textilsammlungen gelangten, als Erzeugnisse des 19 Jahrhunderts identifiziert hat.

    […] Bisher ist jedoch kein Stück aufgetaucht, das sich als ein Produkt des mitteleuropäischen Zeugdrucks vor dem Ende des 14 Jahrhunderts ansprechen ließe. Ebenso in die Spätzeit des 14 Jahrhunderts gehen die Inkunabeln des Holzschnitts auf Papier zurück, sodass nach unserer gegenwärtigen Kenntnis Zeugdruck und Holzschnitt, die beide Holzmodel verwenden, und wahrscheinlich ab und an mit dem gleichen Model sowohl als auf Stoff als auch auf Papier, sogar auch auf Leder gedruckt haben, hierzulande zeitlich parallel entstanden sein dürften. Aufgrund des erhaltenen Bestandes müssen wir weiterhin annehmen, dass sich der Zeugdruck mit figürlichen und szenischen Darstellungen gleichzeitig zu dem rein ornamentalen, der meist Muster von Seitenstoffen nachbildete oder frei variierte, entwickelt hat, zumal sich der Erstere für Hintergrunds- und Rahmenmuster ebenso des Ornaments bediente.

    Puh, mit so einem Buchtitel schickst du mich erst einmal für ein paar Minuten in die Klausur, allerdings eher in die monastische als in die schulische. Das Gerundium eines Deponens zu bilden, also eines Verbs mit passiver Form, aber aktiver Bedeutung, das hat durchaus seinen Reiz. Bis mir klar wurde, dass dieses besondere Verhalten ja nur die finiten Formen betrifft. Das Gerundium wird, anders als das Gerundivum, vom Präsensstamm gebildet und ist daher völlig regulär.
    Die Übersetzung „von den Zeichen zu sprechen“ ist grammatisch nicht falsch, wirkt im Deutschen aber etwas eigentümlich. Wörtlicher wäre „vom Sprechen der Zeichen“, inhaltlich vielleicht treffender „über die Zeichenrede“.

    Das ist ja toll! Du hast Dich nicht lange mit der Frage herumgeschlagen, wo man nun passendes Holz oder Werkzeug etc herbekommt, sondern es einfach gemacht. Ich bin vor dieser Arbeit bislang zurückgeschreckt, weil ich nicht an Hirnholz passender Größe und feiner Struktur herankomme. Ja, wenn die Druckstöcke dauerhaft sich nicht verziehen sollen, wäre das wichtig. Aber sich stattdessen einfach hinzusetzen und mit einem verfügbaren Brett anzufangen, davor habe ich Hochachtung. Und die Ergbnisse geben dir auch noch die Absolution. Ganz wunderbar!