Allgemeines Thema: Stoffe, Belege, Besätze und Borten in der frühmittelalterlichen Darstellung

  • Alle Jahre wieder pünktlich zu Beginn der Marktsaison kommen die immer gleichen Fragen in diversen Social- Media meist zu frühmittelalterlicher Kleidung auf. Es werden Schnittmuster für Hosen und Tuniken gesucht, dann kommen die Fragen welcher Stoff in welcher Bindung am besten für die Kleidung geeignet ist, welcher Stoff möglichst auffällig mit dem Trägerstoff als Besatz kontrastiert usw. und tlw. auch ob Diamant- oder Rautenköper noch für das HMA durchgeht.

    Soweit schon gut, wenn sich die späteren Träger Gedanken um verschiedene Stoffe machen, doch kommt ab und zu erbitterter Streit auf wenn darauf hingewiesen wird, dass statt eher unruhiger Diamant- und Rautenköper Stoffe in Leinwandbindung oder ein Gleichgratköper die bessere Wahl ist und auf Belege und Besätze besser verzichtet werden sollte.

    Wenn diese Fragen aufkommen, versuche ich mit meinem angelesenen Wissen zu antworten, doch bei manchen Fragen muss ich passen. Denkt ihr, wir bekommen hier eine Zusammenfassung hin auf die wir verweisen können?

    Für die Stoffe verweise ich idR auf die "Kleine Stoffkunde für Mittelalternewbies" sowie der Einführung über das Weben auf unserem Portal von Silvia, doch kommen ab und zu Nachfragen wie lange zB Fischgrat, Rauten- bzw. Diamantköper genutzt wurden. Für Details muss ich passen und sage dass die meinem Kenntnisstand nach ab dem 11. Jhdt möglicherweise mit Aufkommen des Flachwebstuhls im Fundgut nicht mehr vorkommen.

    Gibt es eine Übersicht welche Webarten bis wann wo dominierend verwendet wurden?

    Das nächste, allseits "beliebte" Thema sind gerade in der FMA- "Wikinger"- Szene inflationär genutzten Belege/ Besätze auf der Kleidung. Mein Argument ist, dass es abgesehen von solchen auf dem Klappenrock meines Wissens nach keine Nachweise gibt und sie es auf der Tunika weg lassen sollten. Als Entgegnung kommen dann "Stuttgarter Psalter" (Nein, passt nicht, Zeichnungen in einer komplett anderen als der nordischen Region und entstanden zudem in byzantinischer Tradition), Textilfunde Haithabu Rekonstruktion nach Hägg (Nein, passt ebenfalls nicht, ist eher als Reparatur an verschlissenen Kanten zu sehen) sowie die bekannten Bildsteine mit den Klappenröcken.

    Kennt ihr Nachweise für Belege/ Besätze im FMA die diese intensive Nutzung an Ärmel, Bund und Kragen rechtfertigen?

    Gleiches gilt für Brettchenborten. Mit sind diese lediglich als Abschlüsse an Webkanten geläufig. Gesondert als Zier aufgenäht wüsste ich jetzt nicht. In diesem Thema bin ich nicht drin.

    Kommen wir zu den Kleidungsstücken.

    Kann man beim Kittel/ Tunika eine Faustregel setzen ab wann Keile/ Geren eingesetzt wurden? Ich halte es für mich so, dass ich ab dem 11. Jhdt von Geren ausgehe und davor nach Möglichkeit darauf verzichte.

    Bei den Hosen werden die üblichen Verdächtigen genannt. Thorsberg, Damendorf, Rus- Pluderhosen üblicherweise wüst durcheinander gewürfelt, selbst wenn es von Zeit und Region nicht passt. Ich bin sogar der Ansicht, dass das Thema "Beinlinge" oder lange Strümpfe statt Hosen im FMA mehr Thema war als es der FMA- Szene bewusst ist. Zeigen Abbildungen diverser Psalter (St. Gallen, Codex aureus) recht deutlich. Für Hosen liegen die viel zu eng an.

    Liege ich damit falsch?

  • Diese Fragen sind in der Regel gar nicht pauschal zu beantworten.

    Wenn schon jemand schlicht Wikinger machen möchte, ist da noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten, Wikinger ist ja mehr Berufsstand denn Volksgruppe. Schön wäre wenn die Leute hier im Forum in entsprechenden Bereich nachfragen und man sich den "Fall" genau anschauen kann um den Leuten aufs Pferd zu helfen. Deshalb ist meine Stoffkunde recht allgemein gehalten. Schaut man sich die Vielfalt der Textilien heute an, gibt es Berufskleidung, Sportbekleidung, Freizeit und festliche Kleidung, nicht zu vergessen die pers. Stilrichtungen. Aber fürs Mittelalter hätte man dann gerne DEN Hosenschnitt, für die ganzen Tausend Jahre egal welcher soziale Stand. So einfach ist das nicht und man muss manchmal tief graben.

    Zusammen mit @Reiner habe ich 2 Jahre lang die Kleidung der Slawen in Norddeutschland recherchiert, dabei haben wir Bildbelege mit den wenigen Textilfunden abgeglichen. Das ging so weit das wir nicht nur die eigentlichen Textilfragmente ausgewertet haben, sondern auch bei der Keramik nach Gewebe-Abdrücken auf den Unterseiten von Gefäßen gesucht haben, nach Nadeln in Steinritzen von Kirchenböden die auf Kopfputz schließen lassen, um nur zwei Beispiele zu nennen.

    Nein pauschal mag ich mich nicht festlegen, das sind zu weite Felder.

    In Wurt Hessens gibt es einen Kleiderbesatz an einer eher derben Kleidung, mit einem eher derben Zierstich. Da sind wir bei den Friesen zeitlich im frühen Mittelalter. Aber hatten das alle zu dieser Zeit ? Oder war es eine regionale Tracht ? Oder ein Behelf eines Dorfexoten weil der Stoff nicht gereicht hat ?

    Hat man Kleidung evtl. mittels Besatz ausgebessert ? Vielleicht hatte ein neues Kleid erst mal keinen Besatz und bekam diesen erst wenn es nötig war ?

    Bei den Hosen bin ich bei Dir. Beinlinge sind weit verbreitet, schau mal z.B. bei den Native People, wenn man mal über den Tellerrand schauen mag. Ich habe mich immer gefragt wie man den Hintern in der Hose verlieren kann, aber je nach Tätigkeit macht gerade dieser Hintern überhaupt keinen Sinn. (Stichwort Reiten)

  • Uff- okay. Das sind viele Fragen in kleinem Text.

    Ich möchte hier für meine Gedanken zu 'die Wikinger' antworten. (Und mich da Silvias Gedanken zum Berufsstand und zur 'Einheitlichkeit' anschließen. Dennoch versuche ich die Themen so 'wikingerlastig' wie mir möglich zu betrachten.)

    Meine Standartantwort wird vermutlich "Es kommt auf den Kontext an" sein. :winking_face:

    "Diamant- und Rautenköper Stoffe in Leinwandbindung oder ein Gleichgratköper die bessere Wahl ist und auf Belege und Besätze besser verzichtet werden sollte."

    Gleichgratköper und Leinwandbindung - da macht man nichts falsch. So ziemlich in keinem Kontext. Du kannst gerade den Gleichgrat für Hose, Tunika, Trägerkleid, Mützen, etc. verwenden, ohne dass es deine Darstellung abwertet. Mir ist es lieber, jemand baut sich seine Darstellung aus Gleichgrat und Leinwandbindung auf, anstatt er z.B. die 'falsche' Diamantköperbindung verwendet. Möchte mein seine Darstellung im Stand aufwerten, kann man zur Pflanzenfärbung greifen. (Auch hier möchte ich beachten, dass es regionale Unterschiede in der überwiegenden Farbe der Textilfunde gibt. z.B. ist die mit am häufigsten in den Gräbern von Birka gefundene Farbe Blau. Aus Waid gefärbt.

    Wer sich mehr zu den Farben beschäftigen möchte, dem würde ich als Einstiegswerk "Kleidung und Tracht in der altnordischen Sagenliteratur und im archäologischen Fundkontext - Matthias Toplak" empfehlen.

    Diamantköperbindung: Hier gibt es für 'Wikinger' echte Fallstricke. Nicht jede Diamantköperbindung eignet sich für eine belegbare Darstellung. Es lohnt sich, vor dem Kauf, genau zu überlegen, welche Region und welche Zeit möchte ich Darstellen. Häufig wird irgendein Diamantköper (DK) gekauft, bei dem weder die Größe der Diamanten, noch die Form passend ist.

    z.B. gibt es in Birka einen ganz populären DK; Typ W10. Dort sind die Diamante nur ca. 6 mm hoch. Zu Beschaffen über 'Historical Textiles' in Schweden. Das war für mich der heilige Gral meiner Darstellung. Auch hier wieder: Birka III

    Ebenso ein Fallstrick ist Fischgrat. Hier lohnt sich der Artikel von Project Forlog https://sagy.vikingove.cz/en/the-use-of-…pe-700-1200-ad/

    Belege und Besätze:

    Hier kann als Bildquelle der Teppich von Bayeux und ggf. der Oseberg Teppich aufschlussreich sein. Gerade auf dem Teppich von Bayeux sieht man die rekonstruierten Besätze häufig. Es gibt verschiedene Thesen dazu: Mehrere Tuniken übereinander; die Untertunika schaut raus; es sind wirklich Zierbesätze gewesen.

    Belegbar anhand von Textilfunden ist es bedingt. Es gibt an einem Klappenmantelfragment aus Haithabu Rückschlüsse auf Besatz in Zierform mit einem anderen Stoff. Bin mir mit der Bindungsart aus dem Kopf unsicher) Und es gibt den Besatz in Form eines 'Varafeldur'. Eine Art Fake-Fell-Besatz.

    Besatz mit Seide: Gab es. Meist in kleinen Streifen, durcheinander, manchmal sogar mit der 'linken' Seite nach Oben angenäht. Manchmal ist dazwischen noch Brettchenwebborte mit Silber/Goldlahn genäht. Diese Besätze spiegeln unglaubliche Reichtümer wider. Es muss also zum Gesamtkontext passen.

    Hier lohnt sich ein Blick in "Birka III- Die Textilen"; Gut zu sehen im Grab 'Bj 735' Link ins Historiska Museet Stockholm:

    https://samlingar.shm.se/object/A461816…7D-83D5E6762C50

    https://samlingar.shm.se/object/CEF40BC…98-809239506503

    Was die Anordnung der Besätze angeht, auch hier lohnt sich der Blick in die Birka Buchreihe. Man wird feststellen, dass es sogar Belege für längs am Körper angeordnete Seidenbesätze gibt.

    Was eher im Bereich der Rus angesiedelt ist (Vorsicht: Nicht meine Tasse Tee!) sind die großflächigen Besätze mit bedruckter oder gewebter Seide.

    Zusammenfassen würde ich es: Am besten so wenig wie möglich Besatz. Man kann sich gut an einem Grab entlanghangeln, wenn man auf der sicheren Seite sein möchte. Ich würde keine Besätze aus unterschiedlichen Gräbern mischen.

    Pauschal: Quer am Körper, Längs am Körper, meist nur 2-3 cm breit, in mehreren Streifen angeordnet. Das ursprüngliche Muster scheint keine große Relevanz gehabt zu haben.


    Geren: Ich interpretiere die Funde für mich so: Die Tunikafunde, welche wir haben sind zeitlich so aufgestellt:

    Thorsberg: 100/200 n.Chr.; Landbreen 230-390 n. Chr.; Skjoldehamn 995-1029n. Chr. Kragelund 1045-1055n. Chr. und Modelund 1055-1155 n. Chr.

    So, die ersten beiden Tuniken T und L sind komplett gerade geschnitten. Allerdings liegt das auch jüngstens 300 Jahre vor der Wikingerzeit. Wenn ich dann betrachte, dass bei Skjoldehamn immer noch gestritten wird, in welchen Kontext die Funde gehören, ob samisch oder nordisch, dient sie für mich nur als groben Anhaltspunkt. Die Tunika S, ist schon körpernäher mit Geren. Und die Tuniken K und M sind sehr betont, mit Geren. Es gibt u.a. auch in Haithabu Fragmente, welche als Tunika gedeutet werden. Diese sind sehr auf die Körperform angepasst und dementsprechend enganliegend. Es gibt Fragmente eines Trägerkleides aus dem Hafen, welches körperbetont geschnitten war. Wir 'wissen' also, dass sich die Mode sehr stark wandelt. Und wir wissen, dass die 'Wikingerzeit' lang ist und es auch dort Weiterentwicklungen gegeben haben wird.

    Und sie wandelte sich hin zu: körperbetont, enger anliegend. Das geht kaum ohne Gere.

    Ich verwende Geren schon früher. Alle meine Kleider, welche ich für meine Birka-Darstellung trage, haben Geren, die allermeisten auch einen Rücken und Ärmelschnitt nach Haithabu.

    Für den Übergang von Vendelzeit (Merowingerzeit) zur Wikingerzeit wäre ich da weitaus zurückhaltender und würde mich eher an den früheren Funden orientieren.

    Zum Thema Tunika (und auch Besätze) lohnt sich ein Blick zum sehr umfangreichen Blogpost von Project Forlog: https://sagy.vikingove.cz/en/constructio…edieval-tunics/


    Zur Hose: hier halte ich es wie mit der Tunika/Kleid: Je später, je mehr Beinlinge. :grinning_squinting_face:

    Liebe Grüße, Ask&Embla

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