Gedanken für ein paar Sekunden - Abkürzen heißt das Erleben verkürzen

  • Der Inhalt kann nicht angezeigt werden, da Sie keine Berechtigung haben, diesen Inhalt zu sehen.

    – oder warum Authentizität auch ohne Publikum wichtig sein kann.

    Dies soll kein weiterer Vortrag über Publikumswirkung, Bildungsauftrag oder Betrug am Kunden sein, auch nicht der x-te über die Auswirkungen von Handnähten und Pflanzenfärbungen. Stattdessen möchte ich einen perspektivischen Blick darauf werfen, was man sich selbst verwehrt, wenn man Abkürzungen nimmt. Vorausgesetzt ist dabei der Wunsch, "Geschichte zu erleben". Ist das nicht der Fall, ist das Folgende wahrscheinlich (wertfrei) Zeitverschwendung für dich.

    Der Anstoß zu diesen Gedanken war ein Erlebnis, das ich am vergangenen Wochenende hatte: In den letzten siebzehn Jahren bedeutete "auf ein Lager fahren" für meine Frau und mich, Zelt, Schlafplätze, Feldbetten und Ausrüstung für vier Personen zu planen und zu packen. Mit nur einem Auto hieß das: keine Holzbetten, sondern Alu-Feldbetten und Isomatten sowie komprimierbare Daunenschlafsäcke im Zelt. Soweit so gut, doch mein Schlafkomfort war miserabel, weil das Kopfkissen ständig auf der Isomatte wegrutschte.

    An diesem Wochenende fuhren wir zu einer Veranstaltung, bei der das Zelt und das Feldbett von der Gruppe gestellt wurden. Wir hatten also Platz im Auto, und ich konnte meinen authentischen Schlafsack, Decken etc. mitnehmen – und siehe da, auf der authentischen Unterlage rutschte das Kopfkissen nicht mehr. Durch die authentische Lösung hatte ich mehr Komfort, weil es so funktionierte wie "damals".

    Und wie wir alle wissen: "Die waren ja nicht blöd, damals!"

    Auf der Heimfahrt grübelte ich darüber nach, und es passt in so vielen Kategorien. Wenn man sich darauf einlässt, in einem Tontopf zu kochen, der vorher gewässert werden muss, statt die Raviolidose in den ungarischen Gulaschtopf zu kippen, hat man mehr Aufwand, ja. Aber man wird "gezwungen", neue Gerichte auszuprobieren und sammelt komplett neue Erfahrungen.

    Wer schon einmal wirklich mit Stahl und Zunder sein Feuer entfacht hat, weiß, warum die Gluthaube im Haus eine gute Idee war. Mit dem "Taschendrachen" (Feuerzeug) lernt man das nicht zu schätzen.

    Auch bei der Kleidung trifft das zu. Wer die Abkürzung mit Unterwäsche aus Baumwolle nimmt, wird nicht nur nie verstehen, warum die Kombination aus Unterkleid aus Leinen und Oberbekleidung aus Wolle so populär war – er oder sie wird im Sommer mehr schwitzen (und müffeln) und bei schlechtem Wetter mehr frieren. "Cotton kills" – Baumwolle tötet – ist der erste Satz, den ich im Überlebenslehrgang gelernt habe. Stellt man seine Garderobe so zusammen, dass sie funktioniert, braucht man weniger Kleidung, hat weniger Lagerplatzbedarf zu Hause und auf den Veranstaltungen wird es komfortabler. Und man spart Geld, das man in gutes Material stecken kann.

    Auch beim Schlafen trifft das zu. Natürlich kann man seinen Kunstfaserschlafsack unter der Alibi-Wolldecke verstecken, aber die Wolldecke wird den Loft (die Isolationsfähigkeit) minimieren, und man wird nicht so warm schlafen wie mit der Kombination aus "richtigem" Bettzeug.

    Verabschiedet man sich von Omas dicken Socken und geht dazu über, dünne Socken zu tragen, den Schuh aber mit Stroh auszupolstern und bei Bedarf das Stroh zu wechseln und Schuh und Socke zu trocknen, braucht man plötzlich keine modernen Innensohlen und Gore-Tex-Socken mehr und hat trotzdem warme Füße.

    Manchmal wird es dann auch ungemütlich. Ich hatte mich auf das Wochenende dahingehend vorbereitet, dass ich eines meiner Oberteile (unsichtbar) mit einer modernen Innenjacke "gepimpt" hatte. Ich habe sie nicht benutzt (warum weiß ich gar nicht), aber ich bin froh darum: Ich verstehe nun, warum die authentische Jacke, die ich trug, ein Fehler war und warum die Träger sie gehasst haben, weil sie damit bitterlich froren. Das lässt mich andere Sachkultur besser verstehen und auch besser erklären.

    Das führte dann dazu, dass mein Tagesablauf sehr eng mit dem Thema externe Wärme und "Raus aus dem Wind" verknüpft war. Somit blieb weniger Zeit für andere Dinge, was mir vor Augen führte, dass moderne Prioritäten nicht immer mit denen vor 100, 250, 500 oder 1000 Jahren vergleichbar sind. Ich habe dann auch wirklich die Wirkung einer heißen Suppe "wiederentdeckt".

    Was ich damit sagen will: Nicht jede Abkürzung, nicht jede unsichtbare Erleichterung ist wirklich ein Segen. Klar, mit dem Ochsenkarren zum Event zu fahren, ist Quark, und wir alle haben reguläre Jobs und müssen nach der Veranstaltung fit sein. Aber wenn ein "A-Papst" (man beachte die Anführungszeichen) sagt: "Wenn es authentisch ist, funktioniert es auch!", dann ist das nicht zwangsläufig Standesdünkel, Maßregelung oder etwas Negatives.

    Dem Motto "Die waren ja nicht blöd, damals!" folgend, machten die Entscheidungen unserer Vorfahren schon Sinn; sie basierten auf ihren Erfahrungen. Mit ein Grund, warum das meiste Reenactmentwissen auch im Alltag anwendbar ist! Und wenn man diese Erfahrungen umgeht, beraubt man sich selbst um wertvolle Erlebnisse.

    Reenactmentwebseite (multiperiod): https://www.jordheim.info/
    Outdoor & Waldhandwerk (pausiert): https://huginfell.de/
    𝒩𝓊𝓇 𝓋ℯ𝓇𝒶𝓃𝓉𝓌ℴ𝓇𝓉𝓁𝒾𝒸𝒽, 𝒻𝓊̈𝓇 𝒹𝒶𝓈 𝓌𝒶𝓈 𝒾𝒸𝒽 𝓈𝒶ℊℯ, 𝓃𝒾𝒸𝒽𝓉 𝓌𝒶𝓈 𝒟𝓊 𝓋ℯ𝓇𝓈𝓉ℯ𝒽𝓈𝓉!

Jetzt mitmachen!

Sie haben noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registrieren Sie sich kostenlos und nehmen Sie an unserer Community teil!