Beiträge von Dagobert

    Vielen Dank Grimmbold. Keine Sorge, deine Einschätzung habe ich in keinster Weise als Angriff aufgefasst. Wenn man solche Dinge der Öffentlichkeit preisgibt ist das ja auch immer eine gewollte Einladung zu fachlicher Diskussion. Und wenn man, wie ich das hier gemacht habe, keine 1:1 Rekonstruktion macht, ist das natürlich auch immer angreifbar und es verbleibt Interpretationsspielraum.

    Zunächst finde ich den Vorwurf "unhistorisch" für das Bett an sich nicht gerechtfertigt. Wenn man die von mir genannten Bildquellen ansieht (die Seite "antike-tischkultur" ist frei zugänglich. Dort einfach zu den einfachen Liegen durchklicken) kann man, finde ich, die Ähnlichkeit meiner Konstruktion dazu nur schwer von der Hand weisen. Die Konstruktion aus gedrechselten Rundhölzern, die diagonale Seilbespannung, Der durchgängige Längsholm auf dem Mosaik aus Ravenna, etc. Das sind m.M.n. sehr eindeutige Indizien, dass es zu der Zeit solche oder zumindest so ähnliche Liegen gab.

    Der Punkt, bei dem ich dir zu 100% Recht gebe ist das Setup in dem ich das Bett nutze. Allein, dass ich mit meiner Partnerin zu zweit in einem häuslich eingerichteten Zelt als Teil eines Zeltlagers mit Sonnensegeln, Tischen, Bänken, Kisten und quasi dem ganzen Hausstand auf einer Wiese herumstehe kann m.M.n. historisch nicht gerechtfertigt werden (auch nicht mit Heerschau, Thing, oder einem höheren gesellschaftlichen Stand). Das ist jedoch ein Punkt, der auf große Teile der Mittelaltermarkt- und Lagerlebenszene gleichermaßen zutrifft. Bzw. ist das eben ein Umstand, der so akzeptiert und gerne auch dem historisch interessierten Besucher erklärt werden kann. In Museumsdörfern wäre das wieder eine andere Geschichte...

    Ein zweiter Punkt, den du hast, ist der "bürgerliche Stand". Im letzten Jahr hat sich das etwas verselbstständigt und bei mir sind einige Dinge zur Darstellung dazu gekommen, wodurch diese sich zunehmend vom bürgerlichen Stand wegentwickelt. Das muss ich bei Zeiten umformulieren.

    Nun zum Bett an sich. Ja, da ist eine Isomatte darunter. Wenn ich das Bett öfter als zweimal im Jahr nutzen würde, hätte ich mir einen Strohsack zugelegt. Der Mehrwert dafür rechtfertigt für mich aktuell nicht den Pflegeaufwand.

    Mit dem Seil hast du recht. Das ist sehr starr. Was federt sind die Längsholme. Um dem etwas entgegenzuwirken braucht es eine ordentliche Vorspannung, aber das habe ich bereits beschrieben. Wen das stört, könnte mit stärkeren Querschnitten arbeiten. Ein Lattenrost oder etwas anders als die diagonale Seilbespannung kam nicht in Frage, weil es die Bildquellen so vorgeben.

    Die Quelle von Ammianus Marcellinus war mir bekannt und tatsächlich wurden im alamannischen Gräberfeld von Schleitheim Klappstühle gefunden, die dem modernen Feldbett, bzw. dem Bett aus dem New York Historical Museum sehr ähnlich sehen. Daher habe ich auch lange überlegt, ein solches Bett zu bauen, habe mich dann aber dagegen entschieden, weil ich dazu keine Bildquellen oder Funde aus der Zeit habe, zur von mir gebauten Liegeform jedoch mehrere.

    Die Konstruktion aus dem 19. Jh. war mir bislang nicht bekannt. Das ist natürlich auch eine charmante Lösung. Wobei ich mich dabei frage, wie die Spannung erzeugt wurde. Lediglich durch eine Fixierung würde mir das zu sehr durchhängen. Und es ist auch sehr nahe an dem Modell von Ole Gjerløv-Knudsen. Aber auch hier habe ich eben keinen Beleg für die Spätantike.

    Ich würde also dabei bleiben, dass meine Konstruktion an sich nicht "unhistorisch" ist. Ob ein Alamanne jemals eine solche Liege auf Reisen mitgenommen hätte und falls er auch ein Zelt dabei gehabt hätte, sie mit seinem restlichen Hausrat dort hinein gestellt hätte, ist zweifelsohne mehr als fragwürdig.

    Es bleibt aber das Problem, dass man älter wird und sich auf Mittelaltermärkten keine Erkältungen mehr holen möchte, weil man nächtelang auf Strohsäcken geschlafen hat, die mit dem Wasser aus den durch das Zelt fließenden Bächen vollgesogen sind und gleichzeitig historisch interessierten Besuchern einen Eindruck vermitteln möchte, auf welchen Liegen möglicherweise die Altvorderen ihre Nächte verbracht haben. Alles in allem ist das für mich nach wie vor ein stimmiger Kompromiss, sofern man den Leuten erklärt, dass das Setup Mittelaltermarkt an sich nicht besonders historisch ist.

    Salve Dagobert

    Einen wirklich spannende Frage. Hast du gerade archäologische oder historische Fachliteratur greifbar, die einen germanischen Ursprung der Saxe bzw. eine Übernahme durch die Reitervölker nahelegt? Die beiden Quellen, die ich gefunden haben, tendieren eben eher zu einem Ursprung im reiternomadischen Umfeld, weshalb es mir ohne weitere Belege schwerfällt, von dieser Quellenlage abzuweichen. Ohne eine riesen Recherche vom Zaun zu brechen, versteht sich.

    Vielen Dank Thoralf. Natürlich, darfst du das. Ich selbst wiege 85kg. Das geht ohne Probleme. Das würde auch mit dünneren Längsstreben gut gehen. Mit meiner Freundin zusammen hat das Bett etwa 150kg ohne Probleme weggesteckt. Ich denke, dass auch 200kg kein Problem wären. Vermutlich rutschen zwei Personen dann aber ehr in der Mitte zusammen, da sich die Bespannung durchsenkt. So wie ich das sehe, kommt viel der Belastung durch die Vorspannung. Wenn wir zu zweit im Bett liegen, muss die Liegefläche schon recht straff gespannt sein, dass wir nicht in die Mitte rutschen. Allein durch diese Vorspannung biegen sich die Längsstreben merklich durch. Für eine einzelne Person bräuchte es aber nicht so viel Vorspannung.

    Natürlich habe ich es bisher noch nicht bis an die Grenze belastet und kann daher auch nicht sicher sagen, wieviel tatsächlich ginge. Zu zweit bekommt man eher ein Liegekomfort-Problem bevor man Belastbarkeits-Probleme bekommt.

    Salve-Dagobert

    Du meinst also, dass es eher Attilas Armee das einschneidige Hiebschwert von den Germanen kannte und nicht andersherum?
    Mit asiatischen Funden oder viel mehr mit allem was nicht alamannische Funde sind, kenne ich mich eher gar nicht aus. Das was ich geschrieben habe kommt im wesentlichen von zwei Quellen, von denen Beide den Ursprung im Osten verordnen:

    In "Hic scramasaxi loquuntur" von Jo Wernard hält er sich selbst wage:
    "Die relativ großen Längenunterschiede verwundern nicht, hält man sich vor Augen, daß hier eine Waffenform archäologisch erfaßt wird, deren Ursprünge noch weitgehend im Dunkeln der Geschichte liegen. Sicher spielen die Kontakte zu den Reitervölkern der östlichen Steppen und der Waffendienst germanischer Söldner im oströmischen Heer während des 5. Jahrhunderts bei der Verbreitung eine nicht zu unterschätzende Rolle. Gerade jene Exemplare, die mit Grabbeigaben östlicher und byzantinischer Provenienz vergesellschaftet sind, verdienen wegen ihrer Länge am ehesten die Bezeichnung „Reitersäbel“. Ob sich diese Schwertform auf oströmische Waffenschmieden zurückführen läßt, die im Westen schließlich die Herausbildung kürzerer Formen initiierte, ist mit dem vorliegenden Material noch nicht zu klären."

    Hermann Friedrich Müller schreibt außerdem in "Das alamannische Gräberfeld von Hemmingen (Kreis Ludwigsburg)": "Die Herkunft hat J. Werner untersucht und reiternomadischen Ursprung nachweisen können: Das Verbreitungsbild ergibt bei Berücksichtigung der Zeitstellung eine Westausdehnung vom Schwarzmeergebiet aus, die spätestens um die Mitte des fünften Jahrhunderts Westeuropa erreicht und archäologischer Niederschlag der Ausdehnung des Attila-Reiches ist. [...] Trotz dieser vorwiegend westlichen Verbreitung ist nun auch dieser Scheidenbesatz, dessen Vorkommen an den frühen Schmalsax gebunden ist, östlichen - reiternomadischen - Ursprungs. Das hat A. Alföldi aus dem Vergleich eines solchen Beschlägs in dem attilazeitlichen Fund von Körösladány in Ungarn mit dem Besatz der Saxscheide des Childerichgrabes nachgewiesen. Die Richtigkeit dieser Zuweisung wird unterstrichen durch den Neufund von Hemmingen: Das hier verwandte Fiedermuster ist ein beliebtes Ziermotiv in attilazeitlichen, reiternomadisch beeinflußten Fundkomplexen und tritt dort auch auf Schwertscheiden auf."

    Ggf. gibt es ja noch jemanden im Forum der mehr über die Verbreitung von Saxen weiß?

    Salve Dagobert

    Ave,

    ich bin soeben mit meinem neuen Sax fertig geworden. Ich habe hier versucht, den Fund aus Grab 15 des Gräberfelds von Hemmingen zu rekonstruieren. Ein solcher langer Schmalsax war wohl typisch für die zweite Hälfte des 5.Jh. Solche Saxe kamen von Osten und wurden von reiternomadischen Völkern übernommen, die damit wohl vom Pferd herab gekämpft haben. In unseren Gefilden hat man solche Saxe aber eher als Statussymbol verwendet, bis sie von der Spatha abgelöst wurden. Ab diesem Zeitpunkt wurden die Saxe eher zu Allzweck-Werkzeugen.

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    Die eigentliche Arbeit war die Scheide. Ich habe hier einen Holzkern aus Kiefer mit Leder bezogen. Die Dicke des Leders habe ich mir auf Basis der gefundenen Nieten des Beschlägs hergeleitet. Die Naht habe ich durch die kleinen Kreispunzen kaschiert. Der Beschläg ist dreiteilig und zusammen mit den kleinen Nieten aus vergoldetem Messing. Nicht besonders historisch korrekt habe ich auf galvanische Vergoldung zurückgegriffen.

    Die beiden Stahlnieten sind von mir dazuerfunden. Im Grab wurden diese nicht gefunden. Aber es sind eben zwei Löcher an der Stelle im Beschläg, die ich mir nur so erklären kann, dass sich dort etwas befunden haben musste, was zwischenzeitlich vergangen ist (daher Stahlnieten).

    Die Griffform ist von mir quasi frei erfunden, da sich davon ebenfalls nichts erhalten hat. Ich habe Walnuss und Ahorn kombiniert.

    Ebenfalls frei erfunden ist das punzierte Muster der Scheide, da sich die Scheide ebenfalls nur sehr fragmentiert erhalten hat. Ich habe mich an geometrischen Mustern von zeitgenössischen Fibeln orientiert. Die obligaten Kreisaugen verstehen sich von selbst.

    Und letztlich ist die Schlaufe für den Gürtel auf der Rückseite des Beschläg ebenfalls eine freie Interpretation von mir, da sich auch hier nichts erhalten hat.

    Insgesamt habe ich mich, so gut es der Fund zulässt, an diesen gehalten, aber leider dennoch vieles interpretieren müssen. Und leider, leider hatte ich beim Punzieren irgendwo noch Metallreste an mir. Bis ich die ersten schwarzen Oxidationsflecken auf dem Leder bemerkt habe war es bereits zu spät. Das wird mir mal wieder eine Lehre sein.

    Salve Dagobert

    Ave liebe Freunde des erholsamen Schlafs,

    wie der Titel beschreibt, möchte ich in diesem Beitrag meine Gedanken zu Feldbetten in der spätantike teilen und was ich mir beim Bau meines Bettes gedacht habe.

    Schon seit einiger Zeit war ich am Überlegen, wie das Bett für mein Lager aussehen soll. In unserer Gruppe hat sich die überragend gute Konstruktion von Ole Gjerløv-Knudsen durchgesetzt und vermutlich hätte ich mir auch ein solches Bett gebaut, wenn ich nicht auf einer Museumsausstellung eine römische Kline gesehen hätte. Das gab den Anreiz nochmal zu recherchieren, da das Bett von Ole Gjerløv-Knudsen zwar leicht ist, ein kleines Packmaß hat, bequem wie stabil ist und nur aus historischen Werkstoffen und Verbindungen besteht, aber leider eben so gar nicht historisch belegt ist.

    Wir kennen aus dem alamannischen Raum einige bettähnliche Holzkonstruktionen (z.B. Oberflacht Gräber 84, 92, 208, 211 oder Trossingen Grab 58), die gerne als Vorbild für Betten herangezogen werden. Quellenkritisch betrachtet kommen mir diese jedoch aufgrund ihrer tiefen Liegefläche, den teilweise vorhandenen Deckeln und dem Bestattungskontext zu sehr nach Totenbetten vor. Andererseits sind diese Betten extrem massiv und ich trage ohnehin schon zu viel Zeug auf unsere Lager und vor dort wieder in den Dachboden. Von der römischen Kline angestoßen bin ich auf der stets informativen Internetseite "antike-tischkultur" über die "einfachen Liegen" gestolpert. Auf antike-tischkultur zeigen mehrere spätrömische Bildquellen des 3. bis 5. Jahrhunderts leichte, transportable Feldbetten mit einer Bespannung aus Seilen oder Riemen und belegen, dass solche Liegen im spätantiken Alltag bekannt waren. Da germanische und spätrömische Kultur im 5. Jahrhundert durchaus miteinander verflochten waren und zahlreiche römische Alltagsgegenstände übernommen wurden, erscheint mir die Nutzung vergleichbarer Feldbetten auch im alamannischen Umfeld grundsätzlich denkbar. Daher habe ich noch ein wenig mit Ludwig über die Details sinniert und bin schließlich zu einer für mich recht zufriedenstellenden Konstruktion gekommen.

    Die hier gezeigte Konstruktion versteht sich ausdrücklich nicht als Rekonstruktion eines konkreten Fundes, sondern als technischer Vorschlag, wie ein Feldbett des 5. Jahrhunderts aufgebaut gewesen sein könnte.

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    Das Bett besteht aus zwei fest in sich verbunden Stirnteilen (Pfosten und kürzere Streben) und zwei herausnehmbaren Längsstreben. Die Längsstreben werden seitlich in Halbschalen der Pfosten gesteckt. Um ein Verrutschen in Längsrichtung zu vermeiden, steht die obere Strebe des Stirnteils leicht Bolzenartig heraus und steck in einer Bohrung der Längsstreben.
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    Die diagonale Seilbespannung habe ich mit gespleißten Schlaufen fest an einem der Stirnteile befestigt. Die langen Seiten der Bespannung habe ich ebenfalls mit Schlaufen versehen, durch die die Längsstreben gesteckt werden können. Lediglich auf der verbleibenden Stirnseite sind keine Schlaufen vorgesehen. Hier nehme ich ein Seil und "wickle" damit die Bespannung an das Stirnteil. Der technische Clou besteht nun darin, dass durch Zug in Längsrichtung, den ich durch das "Wickel-Seil" aufbauen kann, die Bespannung in Quer-Richtung zusammengezogen wird (vergleichbar zu Stoff).
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    Dadurch kann ich einerseits die Spannung der Bespannung ordentlich einstellen und andererseits hält das die Längsstreben in den Halbschalen der Pfosten. Gewicht im Bett verstärkt die Spannung und sorgt damit für zusätzlichen halt in den Halbschalen und damit für zusätzliche Kippstabilität. Mein Bett ist 1,3m breit (sodass zwei Personen Platz finden) weshalb zugegebener maßen mit ordentlich Vorspannung und zwei Schläfer:innen eine ordentliche Biegespannung auf die Längsstreben kommt. Daher habe ich mich für Eschenholz entschieden. Die Längsstreben sind 55mm dick. Leider waren sie zu lang für die Drechselbank, weshalb sie von hand rundgehobelt und die Kugeln an den Enden geschnitzt werden mussten.

    Der Aufbau dauert, wenn man allein ist, etwa 10 min. Hier ein kleines Storyboard dazu:
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    Und natürlich noch im Gesamtbild:
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    Beim Drechselmuster der Pfosten habe ich mich am Hocker aus dem Gräberfeld von Oberflacht orientiert, sodass ich wenigstens ein kleines alamannisches Element in diesem Bett habe. Ich finde, dass dieses Muster zusammen mit der Halbschalenverbindung und den Kugel-Elementen erstaunliche Ähnlichkeit zu der Abbildung des Bettes aus Ravenna zeigt.

    Die Tests auf den Lagern diesen Sommer über hat das Bett einwandfrei überstanden und ich bin guter Dinge, dass ich noch viel angenehme Nächte in diesem Bett verbringen kann.

    Vielleicht steht ja jemand euch vor ähnlichen Herausforderungen und kann die ein oder andere der vorgestellten Ideen gebrauchen. Lasst mich ansonsten gerne wissen, was ihr anders machen würdet. Außerdem möchte ich mich nochmal ausdrücklich bei Ludwig bedanken, der mir mit Rat, Tat und Werkzeug stets zur Seite stand.

    Alle Bilder sind von mir selbst fotografiert worden und zeigen nur meine Gegenstände.

    Salve Dagobert

    Ave liebes Forum,

    ich möchte gerne eine unserer letzten Basteleien mit euch teilen: Bundschuhe nach der Vorlage von Ferwerd. Vielleicht kann hilft die Vorgehensweise ja jemandem, der ebenfalls gerne Bundschuhe anfertigen möchte oder euch fällt noch der ein oder andere Punkt auf, der besser gemacht werden könnte.

    Man kennt die gängigen Bundschuh Varianten nach Marx-Etzel, Damendorf und Obenaltendorf. Bei uns Alamannen ist außerdem der Schuh aus Oberflacht recht verbreitet. Für das 5. Jh. passt allerdings keiner der Bundschuh-”Stars” so recht. Ludwig und ich haben uns daher an dem uns bis dahin unbekannten Schuh nach Ferwerd versucht. Unsere Grundlage war das Buch “Archaeological Footwear: Development of Shoe Patterns and Styles from Prehistory Till the 1600’s” von Marquita Volken, die diese Variante ins 5. Jh. verordnet.

    Zuerst haben wir unsere Füße vermessen und auf einen Karton übertragen. Anschließend wurde das ganze auf einen Rest PVC Bodenbelag übertragen und am Fuß noch etwas angepasst und nachgebessert. Der PVC hat sich dazu ganz gut geeignet, da er einfach zu schneiden ist aber auch etwas widerstandsfähiger und flexibler als Karton. Nachdem wir zufrieden waren haben wir das Schnittmuster nochmal auf Karton übertragen. Fertig ausgeschnitten sieht das ganze dann so aus:

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    Die Fransen vorn haben wir erst mal noch länger gelassen, da sie nachträglich einfach gekürzt werden können.

    Bei der Fersennaht haben wir uns aufgrund des Tragekomforts für eine Stoßnaht entschieden, wie es auch Julia Gräf in “Lederfunde der Vorrömischen Eisenzeit und Römischen Kaiserzeit aus Nordwestdeutschland” schreibt. Wir haben unsere Nähte so ausgeführt, dass das Leder an der Sohle etwas gestaucht wurde, wodurch die Naht etwas nach oben rutscht. Wir haben also die Stiche auf der Unterseite etwas breiter angesetzt als die auf der Oberseite. Damit haben wir die Naht später nicht genau dort wo der Fersen abrollt und der Schuh hält länger. Außerdem kann Feuchtigkeit vom Boden nicht ganz so leicht eindringen. Man kann es in folgendem Bild erkennen, wenn man genau hinsieht:

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    Frau Gräf schreibt außerdem, dass als Nähmaterial “Leder- oder Fellbänder” am häufigsten nachgewiesen seien. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, eine solche Naht mit einem 1mm Lederband zu nähen und würde daher eher zu Rohhaut tendieren. Frau Gräf schreibt selbst, dass die Unterscheidung heute schwer sei, da nach der Sekundärgerbung im Boden einfach Alles als Leder geborgen wird. Anscheinend wurde am Schuh aus dem Ipweger Moor Sehne oder Darm nachgewiesen. Ich habe mich daher an einem Experiment versucht und meine Schuhe mit Hirschsehne genäht, was mehr oder weniger gut funktioniert hat.

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    Die fertige Naht sieht dann so aus:

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    Anschließend habe ich die Schlitze für das Band in den Fransen angebracht und am Fuß die Feinkorrektur vorgenommen und den ein oder andere Schlitz noch etwas verlängert, sodass der Lederriemen besser läuft und der Schuh besser sitzt. Schließlich konnte ich die Fransen in ihrer Länge so reduzieren, dass sie zu den schlitzen passen und kein unnötiges Leder übersteht.

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    Geölt, gefettet und mit eingezogenem Lederband sehen die fertigen Schuhe nun so aus:

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    Ludwig hat die Fersennaht an seinen Schuhen deutlich besser hin bekommen als ich, aber es war auch sicher nicht der letzte Schuh und es muss ja noch etwas Luft nach Oben bleiben 🙂

    Hier noch eine Illustration, weshalb es Sinn macht, die Fersehnnaht nach oben zu verlagern:

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    Alle Bilder dieses Beitrags sind eigene Bilder von mir fotografiert

    Salve Dagobert

    Kurze verständnis frage. Wo genau hast du die Holzplatte eingearbeitet? bzw wie kommt man auf die idee das das Holz in/ an der tasche war. Sind da lederreste dran ? Wenn das leder so dünn war das es mit holz versteift wurde, warum machst du es aus Dickemrind ? Wieso hast du die Nähte nach innengelegt ? .... Fragen über fragen :grinning_face_with_smiling_eyes:

    ...und gute Fragen noch dazu :smiling_face:
    Ulf hat das genau richtig beobachtet. Ich habe mich nur der Form wegen an den Holzresten orientiert. An einer möglichst exakten Rekonstruktion wollte ich mich erst gar nicht versuchen, da mir m.M.n. zu viele Infos fehlen und ich am Ende doch wieder Mutmaßen muss.

    Für das ca. 3mm starke Rindsleder habe ich mich entschieden, weil es mir als guter Kompromiss aus Eigensteifigkeit und Flexibilität für eine Gürteltasche erschien.

    Die Nähte Innen zu machen war ein Experiment für mich selbst, da ich die Nähte meiner vorherigen Tasche außen habe. Ich wollte diese Variante einfach ausprobieren. Mein Fazit dazu ist, dass ich es mit Nähten außen etwas schöner finde, aber mit innenliegenden Nähten mehr Platz in der Tasche ist. Tatsächlich weiß ich gar nicht, wie es bei den historischen Vorbildern gemacht wurde. Falls dazu jemand Infos hat, würde ich mich sehr darüber freuen. Auch die Art der Naht und das verwendete Garn würden mich sehr interessieren. Ich habe mich auch nur für eine Sattlernaht entschieden, weil sie haltbar und mehr oder weniger "Standard" ist.

    Adgandestrius Vielen Dank, für das aufmerksame Lesen und die Korrektur. Du hast absolut recht, der Punktstich ist bei der Messerscheide in Groningen gefunden worden. Bei der von St. Ulrich und Afra schreibt er, dass keine Naht erkennbar sei. Vielen Dank außerdem für deine weiteren Anmerkungen.

    Salve Dagobert

    Hallo Zusammen und vielen Dank für eure Rückmeldungen.

    Schöne Arbeit. :thumbup:

    Für die Form meiner Tasche habe ich mich recht stark an dem Fund aus Oberflacht orientiert, wo zumindest eine hölzerne Deckplatte gefunden wurde und auf eine Nierenform schließen lässt.

    Hast Du zufällig Infos welches Grab das in Oberflacht war?

    Natürlich, das Grab, auf das ich mich bezogen habe, ist Grab 13. Hier ist ein Ausschnitt von Tafel 17 aus "Das Gräberfeld der Merowingerzeit bei Oberflacht" von Siegwalt Schiek (1992), das besagte Holzplatte(9) zeigt:

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    Die Nierenform geht daraus klar hervor, wenn auch das Seitenverhältnis bei meinem Vorschlag verschieden ist. Außerdem erkennt man in der Platte einen langlochförmigen Durchbruch, durch den möglicherweise der bei mir vollständig außerhalb verlaufende Verschlussriemen geführt wurde. Von anderen Funden (teils auch fränkisch) aus der Merowingerzeit kennen wir rechteckige Beschläge, durch die vermutlich ebenfalls der Riemen geführt wurde. Würde ich die Tasche nochmal machen, würde ich wohl auch so einen Durchbruch vorsehen und den Riemen von Innen nach Außen führen, auch wenn sich mir der Sinn dafür noch nicht erschließt.

    Außerdem sehen wir in Grab 13 die besagten Taschenbügel (8) in einer anderen (für mich zu späten) Form.

    Salve Dagobert

    Ave liebes Forum,

    als meinen ersten "richtigen" Beitrage möchte ich euch gerne meinen Vorschlag einer alamannischen Gürteltasche aus dem späten 5. Jh. vorstellen. Ich freue mich sehr über eure Gedanken dazu.

    Dass die Germanen so allerhand in ihren Gürteltaschen bei sich hatten, ist bekannt. Gerade die weniger vergänglichen Dinge wie Dreilagenkämme, Toilettenbesteck und Feuerzeug sind in den Gräberfeldern häufig zu finden. Ein deutlich größeres Rätsel stellt die Gürteltasche selbst dar, da häufig lediglich die Schnallenfragmente erhalten blieben. Für die Form meiner Tasche habe ich mich recht stark an dem Fund aus Oberflacht orientiert, wo zumindest eine hölzerne Deckplatte gefunden wurde und auf eine Nierenform schließen lässt. Ein charakteristisches Merkmal der Funde aus dem späten 5. Jh. ist der sogenannte Taschenbügel. Teils war dieser besonders kunstvoll gearbeitet (z.B. Schleitheim), teils war er aber auch schlicht (z.B. Neresheim, Grab 45) und wies sogar Gebrauchsspuren auf, weshalb vermutet wird, dass er auch zum Feuerschlagen verwendet wurde. Wie er an der Tasche angebracht war, ist mir nicht bekannt. Ich habe mich für meine Variante so entschieden, da ich ihn sichtbar haben wollte (woraufhin auch die prunkvollen Stücke deuten) und er sollte gleichzeitig die Schließe meiner Tasche sein. Außerdem sollte er leicht zu entfernen sein, um ihn als Feuerschläger einsetzen zu können. Ich habe mich für eines der schlichten Vorbilder entschieden und den Taschenbügel nach Grab 82 aus Basel-Kleinhüningen gemacht.

    Alle sichtbaren Nähte habe ich mit der Zickzack förmigen Punktstich-Naht, wie sie an der Saxscheide aus dem Augsburger St. Ulrich und Afra nachweisbar ist, gemacht. Farolfus hat dazu eine schöne Beschreibung gemacht: Langobard seax sheath – farolfvs me fecit. Die innenliegenden Nähte habe ich als Sattlernähte ausgeführt. Als Zwirn habe ich gewachstes Leinengarn verwendet.

    Messer und Messerscheide habe ich fest in die Tasche integriert, wofür ich leider keine Belege außer der Lage im Grab einiger Messerklingen habe. Es erschien mir aber sinnig, da ich so schnell drankomme und ich kein extra Teil am Gürtel hängen habe. Der Innenteil der Scheide ist aus Rohhaut, was einerseits die Leder-Naht schützt und andererseits das Messer festhält, sodass es nicht herausfallen kann. Die Steifigkeit der Rohhaut konnte ich so ausnutzen, dass das Messer durch seine Griffform quasi einrastet.

    So sieht das gute Stück von vorn aus:

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    ...und so von der Rückseite

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    Nochmal von vorn und geöffnet

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    (Quelle : eigene Bilder)

    Salve Dagobert

    Von mir auch herzliche Grüße aus dem Allgäu zu dir ins Allgäu.
    Weißt du in wie weit die ganzen Hügelgräber die hier überall verstreut liegen schon wissenschaftlich aufgearbeitet worden sind?

    Hallo Boarder,

    tatsächlich kann ich dir darauf keine fundierte Antwort geben. Ich denke, dass sehr wenig ordentlich behandelt wurde. Ich kenne lediglich die publizierten Fundstellen wie Marktoberdorf, Mindelheim, Weingarten, etc.

    Salve Dagobert

    ganz tolle Vorstellung, Christian!

    Viel Spaß mit dem Austauschen hier.

    Mir kam gerade beim Lesen Deines Darstellungs-Werdegangs ein ganz verwegener Gedanke: Was ist, wenn man als 20jähriger mit seiner Darstellung eines Jahres, sagen wir zum Beispiel 470 n.u.Z, beginnt, und im Alter von 50 dann im Jahre 500 angekommen ist, wenn man dem Hobby treu bleibt? Eine Darstellerzeit die mitwächst!?!

    Naja, war nur mal so rumgesponnen...

    Hallo Fabian,

    ein sehr spannender Gedanke auf den ich bisher noch nicht gekommen bin. Da würde sich bei mir die nächsten Jahre durch z.B. die Herrschaftsübernahme der Merowinger so einiges tun... Es ist auf jeden Fall eine wunderbare Rechtfertigung, die Darstellung immer wieder zu überarbeiten und sich sich neuen Herausforderungen zu stellen. Aber allzu ernst dürfte man es wohl nicht nehmen. Wenn man dann irgendwann weit über das Durchschnittsalter der damaligen Bevölkerung hinaus ist, wäre es doch allzu schade, die Darstellung an den Nagel hängen zu müssen :winking_face:

    Salve Dagobert

    Ave liebe Forum-Gemeinde,

    ich bin der Christian aus dem Allgäu und freue mich, nun auch ein Teil dieses wunderbaren Forums zu sein.

    Unter dem Namen Dagobert versuche ich mich an der Darstellung eines Alamannen aus dem späten 5. Jh. n. Chr. Dabei würde ich mich gerne regional auf das Allgäu beschränken, stoße aber leider viel zu häufig an die Grenzen des hier bisher entdeckten Fundgutes, weshalb ich mich für meine Darstellung an verschiedenen überregionalen Gräberfeldern bediene. Eigentlich bin ich kein Mensch, der viel Zeit im Internet verbringt und habe mich mein bisheriges "Mittelalter-Leben" von Foren und Gruppen fern gehalten. Nun hat mich Silvia auf dieses Form aufmerksam gemacht, was letztendlich den Anstoß für meine Anmeldung gab.

    Mit meiner Darstellung habe ich während meiner Schulzeit begonnen (damals noch als Merowinger) und fröne diesem Hobby nun seit ca. 20 Jahren. Dabei habe ich für ein paar Jahre einen Ausflug in eine westiranische Darstellung aus dem Hochmittelalter gemacht, die jedoch seit einiger Zeit ruht und auch nie besonders hohe Ansprüche an historische Korrektheit gestellt hat. Seit einem guten Jahr bin ich nun dabei, meine alamannische Darstellung neu aufzustellen und möchte mich dabei, wie bereits geschrieben, im späten 5. Jh. einsortieren.

    Mich reizt insbesondere die handwerkliche Seite dieses Hobbys. Ich genieße den Prozess, der mit der Idee "sowas hätte ich gerne" beginnt, dann mit Recherche und Planung recht theorielastig wird und schließlich in die ersten Versuche übergeht und meist mehrere Iterationen des handwerklichen Schaffens erfordert bis man schließlich das fertige Stück stolz wie Oskar auf der nächsten Veranstaltung präsentieren kann und dabei schon wieder weiß, was man das nächste Mal auf jeden Fall besser machen muss.

    Ich freue mich immer über konstruktive Diskussionen mit euch und bin gespannt auf die gemeinsame Zeit.

    Salve Dagobert