Meine erste Darstellung: Karolingischer Unfreier aus dem Lahngau

  • Karolingischer Unfreier aus dem Lahngau

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    Alle Fotos sind von meiner Freundin.

    Tunika & Hemd

    Da es keine vollständig erhaltenen karolingischen Tuniken gibt, ergeben sich für die Rekonstruktion dieser zwei mögliche, im Ergebnis deutlich verschiedene Ansätze:

    1. Die Verwendung von Funden aus Norddeutschland (Bernuthsfeld, Haitabu, Elisenhof). Dieser Ansatz erlaubt die Rekonstruktion zahlreicher konstruktiver Details (Hägg, 2015). Gleichzeitig ist unklar, ob die in Norddeutschland gefundene Mode der karolingischen entspricht.

    2. Die Interpretation karolingischer Bildquellen. Dieser Ansatz ermöglicht weniger detaillierte Aussagen zur Konstruktion der Kleidung. Außerdem basieren viele der karolingischen Abbildungen auf spätantiken Vorbildern (Zwittmeier, 2025a). Auch hier ist fraglich, ob tatsächlich karolingische Mode vorliegt.

    Der größte und für die meisten Personen erkennbare Unterschied in den Ergebnissen der beiden Ansätze liegt in der Gestaltung der Taille. Während die archäologischen Funde aus Norddeutschland auf eng geschnittene und leicht taillierte Tuniken hinweisen (Hägg, 2015), zeigen die Bildquellen eine Tunika, die zur Formung eines Kolpos über den Gürtel gerafft wird und somit eine gewisse Weite erfordert (Zwittmeier, 2025b). Interessanterweise ist mein Eindruck, dass bei den meisten Karolingerdarstellenden die zweite Variante bevorzugt ist. Auch ich habe mich bei meiner Tunika aufgrund der einfacheren Herstellung für eine weite Konstruktion entschieden.

    Aus den Bildquellen lassen sich aufgrund des abgebildeten Faltenwurfs eine Überlänge der Ärmel und (unter anderem) ein runder Halsauschnitt ableiten. Zudem habe ich mich für eine leichte Weitung des Rockteils entschieden. Sie ist aus einem naturbraunen 2/2 Wollköper (350 g/lfm bei 1.5 m Breite) gefertigt. Die Schnittkanten sind zu jeder Seite doppelt umgeschlagen und mit Überwendelstichen aus braunem Wollgarn (20/2) vernäht.

    Die Untertunika folgt demselben Schnittmuster, ist aber aus weißer Leinwand gefertigt und deutlich kürzer gehalten. Außerdem ist der runde Halsauschnitt zusätzlich zentral geschlitzt. Die Nähte sind als halbe Kappnähte in weißem Leinengarn ausgeführt.


    Hose

    Einhard nennt bei der Beschreibung der Kleidung Karls des Großen eine Leinenhose. Bei der Auswahl des Schnittmusters folge ich dem Vorschlag von Markus Zwittmeier (http://www.tribur.de), die spätantike/frühmittelalterliche Hose KTN1733 (Antwerpen) als Vorlage zu verwenden. Sie passt zeitlich deutlich besser als die sonst übliche Thorsberghose, ist aber eher dem koptischen Kulturkreis zuzuordnen. Dennoch zeigen beide Hosen konstruktive Ähnlichkeiten auf, womit die Verwendung für den fränkischen Raum begründet wird (Kwaspen, 2013; Zwittmeier, 2024c). Ich habe bei meiner Hose die Maße an meine Körpergröße angepasst und ein zusätzliches Rechteck unter den Dreiecken angefügt, um den Wadenschlitz zu verkürzen. Das Original weist außerdem lange Leinenbänder am unteren Ende der Hosenbeine auf, um die Hosenbeine ähnlich wie bei einer Wadenriemengarnitur zu schnüren. Da ich noch nicht weiß, ob ich eine volle Schnürung oder lediglich einen einfachen Verschluss am Knöchel bevorzuge, fehlen diese bei mir noch.


    Schuhe

    Auch von Schuhen gibt es keine eindeutig karolingischen Funde. Markus Zwittmeier erwähnt im Zusammenhang mit einigen Plastiken und Bildquellen flasche Halbschuhe ähnlich dem Haitabu-Typ 2 und 3 (Zwittmeier, 2024a, 2024b, 2025b). Typ 3 ist der häufigste in Haitabu gefundene Schuhtyp (Groenman-van Waateringe, 1984), scheint also sehr verbreitet gewesen zu sein. Meine Schuhe sind von Andreas Helfert (http://www.reenactment-bedarf.de) nach Vorlage der Typ-3-Schuhe gefertigt worden. Die Sohle besteht aus Rindsleder, während der restliche Schuh aus Ziegenleder gefertigt ist.


    Gürtel

    Da die Gürtel auf den karolingischen Bildquellen meist vom Kolpos verdeckt sind und ich eine Person niedrigen sozialen Standes darstelle, habe ich mich für einen geknoteten Gürtel aus dünnem(specify) Rindsleder von 2 cm Breite entschieden. Ein Ende des Riemens besitzt einen Durchzug in Form eines einfachen Schlitzes, während das andere Ende des Riemens abgerundet ist


    Axt

    Diese kleine Spaltaxt ist der erste Versuch, meine Darstellung regional im Lahngau zu verorten. Sie stammt vom Gelände der Kesterburg bei Münchhausen, wo sie im Rahmen der dortigen Ausgrabungen von Rolf Gensen als karolingisch publiziert wurde (Helmut Roth & Egon Wamers, 1984). Da die Grabung nicht vollständig publiziert ist, sind die genauen Fundumstände unklar, weshalb die Datierung als unsicher zu bewerten ist. Auch über die Axt selbst wurden keine Details veröffentlicht. An dieser Stelle danke ich deshalb Dr. Irina Görner vom Landesmuseum Kassel, die mir für die Rekonstruktion netterweise Fotos und Zeichnungen von den Werkzeugen angefertigt hat. Ausgeführt wurde die Rekonstruktion von Raphael Zechel (@tailor.of.steel). Ihm fiel auf den Fotos auf, dass die Axt wohl aus zwei Teilen zusammengesetzt und feuerverschweißt wurde. So ist auch die Rekonstruktion gefertigt. Der Griff ist basierend auf frühmittelalterlichen Funden in Milcucie aus Eschenholf gefertigt. Gestielt ist die Axt von unten ohne zusätzliche Befestigung.


    Fazit

    Seit drei Jahren beschäftige ich mich mit dem Thema Geschichtsdarstellung. Mehrfach war ich seitdem überzeugt, dass ich es nicht schaffen würde, mir jemals eine ordentliche Darstellung aufzubauen, weil wieder mal irgendwas nicht klappen wollte. Glücklicherweise hat am Ende auch wegen dieses Forums die Begeisterung für das Thema immer die Oberhand gewonnen. Ich habe vieles an dieser Darstellung zu kritisieren – sowohl in Bezug auf die Recherche als auch auf die praktische Umsetzung. Dennoch fühle ich mich mit dieser Version der Darstellung bereit, „an die Öffentlichkeit zu treten“ und gegebenenfalls den Schritt zur musealen Darstellung zu machen. Feedback und Tipps sind gerne gesehen.


    Referenzen

    Groenman-van Waateringe, W. (1984). Die Lederfunde von Haithabu. Wachholtz.

    Hägg, I. (Verfasser). (2015). Textilien und Tracht in Haithabu und Schleswig. Wachholtz Murmann Publishers.

    Helmut Roth & Egon Wamers. (1984). Hessen im Frühmittelalter Archäologie und Kunst. Jan Thorbecke Verlag.

    Kwaspen. (2013). The pattern-cutting of linen trousers in Late Antiquity. Drawing the Threads Together, Textiles and Footwear of the 1st Millennium AD from Egypt.

    Vlasatý, T. (2022, November 6). The use of chevron and herringbone twills in Europe, 700-1200 AD - Projekt Forlǫg. https://sagy.vikingove.cz/en/the-use-of-…pe-700-1200-ad/

    Zwittmeier, M. (2024a, Mai 16). Des Kaisers neue Kleider—Teil II - Die Reiterstatuette von Metz. Tribur.de. https://www.tribur.de/blog/2024/05/1…uette-von-metz/

    Zwittmeier, M. (2024b, Mai 23). Des Kaisers neue Kleider—Teil III - Die herrschaftliche Tunika. Tribur.de. https://www.tribur.de/blog/2024/05/2…ftliche-tunika/

    Zwittmeier, M. (2024c, August 29). Eine spätantike Leinenhose. Tribur.de. https://www.tribur.de/blog/2024/08/29/eine-leinenhose/

    Zwittmeier, M. (2025a, Februar 13). Die Tuniken im Stuttgarter Psalter. Tribur.de. https://www.tribur.de/blog/2025/02/1…garter-psalter/

    Zwittmeier, M. (2025b, September 25). Zur karolingischen Tunika—Die X-te. Tribur.de. https://www.tribur.de/blog/2025/09/2…unika-die-x-te/

  • Ich kann das zwar fachlich nicht bewerten, aber: Mein lieber Schwan!! ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

    Ich weiß nicht, ob ich irgendwann ansatzweise dieses Niveau erreiche,…

    "Ned hudln. Des gibt schiache Kinder." :winking_face:

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