Neue Zeit anfangen...

  • Servus,
    ich hadere gerade ein bisschen mit der Idee einer Zweitzeit, den Gedanken hatte ich schon öfters, genauer gesagt habe ich vor über 30 Jahren schonmal reingeschnuppert, dann immer wieder damit geliebäugelt, aber dann aus allen möglichen Gründen wieder verworfen. Es gab, je nachdem, wann es mich wieder in den Fingern juckte, immer einen Grund, es nicht zu tun. In den letzten Tagen war ich viel damit beschäftigt, Ausrüstung zu sortieren, zu überlegen, was ich aufhebe - und was ich abstoße. Dabei kamen mir auch alte Sachen in die Finger, auch Teile meiner Maxi-Gromi Ausstattung (was bin ich froh, dass das noch die Zeiten analoger Fotografie waren...) - und dabei hatte ich auch Ideen zu schalkhaften Bildern mit üblen Zeitenmix - Fotografie ist ja eines meiner Hobbys. Aus der Idee kam dann, beim Einschlafen der Gedanke, dass man ja, nachdem das letzte Mal 4 Jahre her ist, wieder über die Zeit nachdenken könnte.

    Aber es gibt schon einige Pluspunkte, die dafür sprechen. Zum Beispiel habe ich eine Basis-Klamotte geschenkt bekommen – das ist ja schon mal ein Anfang. Außerdem habe ich auch eine Grundausrüstung da, also müsste ich gar nicht so viel neu anschaffen. Mein Alter und mein Gewicht spielen in dem Zeitraum keine große Rolle, was das Ganze nochmal entspannter macht. Und das Beste: Ich kann das sogar als Deutscher darstellen, ohne dass es irgendwie in die Richtung kulturelle Aneignung geht. Die Quellenlage ist wirklich hervorragend, es gibt massenhaft Material, auf das man sich stützen kann. Die Darstellung würde obendrein auch in den zeitlichen Kanon des Forums passen. Und ein paar Bücher dazu habe ich über die Jahre auch angesammelt. Die Sachkultur, die gut dokumentiert ist, kann ich grob auf +/- 10 Jahre links und rechts meines Zeitfensters eingrenzen.

    Ich spreche, im Gegensatz zu meinen bisherigen Darstellungsregionen Skandinavien (Birka 950), Frankreich (Normannen 1060 -1090) und Südafrika (Rhodesien 1970 -1980) die Sprache fließend. Mein Schwedisch beschränkt sich auf das Wissen, dass "Pengar far knödla" kein schwedischer Satz ist - und das Wissen, was Försvarsmakten heißt. Mein Französisch ist OK, aber ich kann besser lesen als sprechen, mein Afrikaans ist nur in Grundzügen vorhanden, ich kann es halbwegs lesen, verstehe es langsam gesprochen, aber mein Wortverständnis reicht nicht aus, ein Gespräch zu führen.

    Wo Licht, da auch Schatten, so wie der römische Legionär, der Landsknecht, der französische Dragoner oder der preußische Füsilier, sieht die Darstellung nur in einer größeren Gruppe gut aus. Meine Frau wird mir wahrscheinlich in diese Darstellung nicht folgen, und stattdessen das stumme Einhorn (für Informatiker, die Binäre 4) zeigen. Der Schlunzfaktor in der Zeit ist, ebenso wie im "Middelalda" sehr hoch, dank Hollywood und Fernsehen. Wenn ich etwas neu brauche, habe ich das Problem, zwischen meinen beiden aktuellen Zeiten zu stehen: Für selber machen war die Zeit oft zu industrialisiert, aber Originale kaufen fällt aus, wegen Bodennebel, Verfügbarkeit und Preisklasse. Events am Originalschauplatz kann ich mir getrost schenken.

    Ich habe, bewusst, die Darstellung an sich nicht genannt, da ich Emotionalität, Vorurteile, Präferenzen, und so weiter, gerne außen vor lassen würde. Ich bin in meine Zeiten, für die ich mich interessiere, immer "reingeschlittert". Zum Wikinger kam ich über das Rollenspiel (Pen&Paper), das Computerspiel Gothic und den Mittelaltermarkt, den Ausschlag zum Wikinger gab dann "Der 13te Krieger" - und wer aus Teilinformationen interpolieren kann, kann sich ausmalen, wie schlecht meine erste Klamotte war! Ich stolperte, mit viel Ignoranz und Selbstbewusstsein(!), gottlob über Tempus Vivit!, was maßgeblich zur Schadenbegrenzung (optisch für andere, finanziell für mich) beitrug. Dabei, also dem FMA Wikinger, blieb es dann auch, bis auf gelegentliche Auftritte / Ausritte mit dem Panzerreiter , zb. ins Bajuwaren Museum bei Kipfenberg als Franke, wobei sich das auf das Weglassen von Wikinger Schmuck beschränkte (und ich damit immer noch besser gekleidet war, als der Museeumsarchäologe...) - oder einem denkwürdigen Gastspiel als die "ELITE DES DEUTSCHEN REICHES" (Zitat des Orgascheffes, CAPSLOCK wegen der Lautstärke, in der er es über das Museum hallen ließ...) auf der Kaiserpfalz Tilleda. Wo dann unsere IG Frühmittelalter (bestehend damals zu 50% aus Sachsen, Karolingern, Ottonen & Slawen, sowie 50% Wikingern) als Ottonen herhielt - und wir 90% der Berufssoldaten der Pfalz stellten, die mit mehr als einem Speer und Helm antreten konnten. Oh Brother, what a way to run a railroad! - ich schweife ab, lachen Sie nicht!

    Zurück zum Thema!

    Vor 7 Jahren lernte ich dann beim LARP 2 super nette und auch sehr auf Korrektheit bedachte Normannen kennen, was dann zu einem Ausflug in die Welt der Normannen führte. Zwischenzeitlich erwachte, durch Dokus gefüttert, die Idee, etwas mit Rhodesien zu machen, weil es gerade über den Zeitraum 1970-1980 so viele Dogmen, Legenden und Halbwahrheiten gab, die Phase aber aus beruflicher technischer Sicht hoch spannend war, da hier Erkenntnisse gewonnen wurden, die bis heute im Bereich der Terrorbekämpfung die Grundsätze auf den Kopf gestellt haben - so nachhaltig, dass sie heute noch beeinflussen, wie die Park Ranger in Südafrika Wilderer bekämpfen - ein Thema, in dem ich auch einige Zeit logistisch involviert war. Das hatte sich dann aber zerschlagen und kam nie über die Planung hinaus.

    Und auch in meine aktuelle Primärzeit schlitterte ich nur, wenn auch mit Karacho, Rückenwind, und Heimweh, zufällig rein. 2018 besuchte ich ein Museumsevent, dass auch diese Zeit anstreifte, nicht nur wegen des Events, sondern weil da halt einfach so viele Freunde aus der Mittelalterszene, von FMA bis SMA, die ich, durch meine krankheitsbedingte Abstinenz, lange nicht gesehen hatte, auf einem Haufen und unter einer Zeit vereint waren, dass es wie ein Klassentreffen war. Der Event war dann dermaßen emotional, durch die Leute, die Qualität, das Herzblut der Darsteller und auch die tolle Kulisse, dass ich auf dem Heimweg überlegt, das als Projekt zu machen. Mir wurde dann schnell klar, das klappt mit meinem Äußeren einfach nicht, also legte ich es zu den Akten. 4 Jahre später hatte ein weiterer Event dann den Ausschlag, eine Zivildarstellung anzufangen, mit ganz kleinem, klar gesetzten Rahmen, festen Limits beim Umfang.

    Das scheiterte grandios, ein Freund kommentierte es mit "Like Alice behind the looking glass, head first down the rabbit hole!" - und als ich mir eingestehen musste, dass es eskaliert ist, war es a) zu spät und b) erklärte mir Familie und Freunde, unisono, dass es vorhersehbar war, dass es so kommt und sie es genau wussten.

    Das wiederum im Hinterkopf, und dass ich mich noch nie wirklich bewusst entschieden hatte "Ich mache jetzt XY in der Zeitstellung ABC, weil 08/15!", macht mich etwas unsicher. Ist es nur ein Spleen, kommt ein lang gehegter Wunsch endlich ans Licht, ist es eine Trotzreaktion, weil andere Hobbys brach liegen (war schon ewig nicht mehr privat schießen), ist es gar die Midlife-Crisis? Verrenne ich mich in einen Spleen, der dann wieder eskaliert? Alles Fragen, die mir von euch sicher keiner beantworten kann!

    Aber was ich euch gerne fragen würde - kennt ihr solche Gedanken, Kopfkino, Phasen? Habt ihr gerade welche, wo es euch so geht wie mir? Wie geht Ihr damit um? Welche Fragen stellt Ihr euch? Habt ihr denen auch mal nachgegeben, seid Ihr eventuell dadurch sogar zu eurer aktuellen Primärzeit gekommen? Oder habt ihr dem nachgegeben - und es dann bereut? Wenn ja, warum? Habt Ihr Zeiten, die ihr macht oder gemacht habt, wo ihr euch wirklich aktiv entschlossen habt, à la "Zeit 4711 sieht interessant aus, die Rolle eines ABC könnte ich mir vorstellen, auf gehts!" - und dann habt ihr euch eine Roadmap, Event und Einkaufsliste gemacht, und seid ans Werk gegangen? Wenn ja, wie habt ihr es gemacht - und wie lief es, was blieb am Ende von Plan A übrig - oder endete es auf Plan B, C, D oder sogar weiter hinten im kreativen Chaos?

    Wie gesagt, ich möchte noch nicht sagen, um welche Zeit, Darstellung und Region es geht, um das Gespräch ohne Vorbehalte zu führen. Es gibt kein falsches Feedback, kein off topic (ich werde diesen Satz bereuen, das weiß ich jetzt schon...), keine dummen Fragen...

    Reenactmentwebseite (multiperiod): https://www.jordheim.info/
    Outdoor & Waldhandwerk (pausiert): https://huginfell.de/
    𝒩𝓊𝓇 𝓋ℯ𝓇𝒶𝓃𝓉𝓌ℴ𝓇𝓉𝓁𝒾𝒸𝒽, 𝒻𝓊̈𝓇 𝒹𝒶𝓈 𝓌𝒶𝓈 𝒾𝒸𝒽 𝓈𝒶ℊℯ, 𝓃𝒾𝒸𝒽𝓉 𝓌𝒶𝓈 𝒟𝓊 𝓋ℯ𝓇𝓈𝓉ℯ𝒽𝓈𝓉!

  • Solche Fragen begleiten mich seit ich das Hobby betreibe. Angefangen als GroWi, dann von Sky , Dragonlord1975 , dem leider zu früh gegangenen Eliot unter die Fittiche genommen worden und dann ging das mit dem Lernen los.

    Vieles ausprobiert, einiges verworfen, extrem viel recherchiert und lustigerweise die Darstellungen, für die ich das meiste lernte, recherchierte, vorbereitete, dümpeln seit Jahren als "Winterprojekte" herum weil immer wieder A neue Aspekte hinzukommen und B andere Projekte Priorität bekommen.

    Meine 1250er Darstellungen sind mittlerweile ganz ok für Museum (zumindest hat noch niemand gemotzt), nur fühle ich mich darin irgendwie nicht angekommen.

    Jetzt geht es durch eine glückliche Fügung zurück in die Zeit, die mir persönlich am interessantesten scheint. Der Fokus geht wieder auf das FMA, genauer gesagt in die Zeit der Merowinger und der auf diese folgenden Karolinger.

    Ob ich das andere weiter verfolge kann ich jetzt noch nicht abschätzen. Evtl. wird der begonnene 1380er Frankfurter Stadtbürger noch "für das Zeigen" fertig gestellt, ebenso der in gleicher Zeit angesiedelte Spießer um damit in meiner Heimatstadt als Stadtführer tätig werden zu können.

    Irgendwo muss ich mein Alter berücksichtigen. Mitte 50, bewegungseingeschränkt, etwas zu viele Kilos... das passt nicht zu einem gewappneten Ordensritter in scheppernder Wehr. Eher zu Bruder Tuck. Ebensowenig zum asketische Pilger, der um seines Seelenheil willens von Stadt zu Stadt, von Kirche zu Kirche zieht.

    Also ja, ich kann das sehr gut nachvollziehen.

  • Danke Hendrik, was machst Du mit den geschlossenen Baustellen? Wenn dir dazu was in die Finger kommt, kaufst Du es, oder lässt es wirklich ruhen?

    Reenactmentwebseite (multiperiod): https://www.jordheim.info/
    Outdoor & Waldhandwerk (pausiert): https://huginfell.de/
    𝒩𝓊𝓇 𝓋ℯ𝓇𝒶𝓃𝓉𝓌ℴ𝓇𝓉𝓁𝒾𝒸𝒽, 𝒻𝓊̈𝓇 𝒹𝒶𝓈 𝓌𝒶𝓈 𝒾𝒸𝒽 𝓈𝒶ℊℯ, 𝓃𝒾𝒸𝒽𝓉 𝓌𝒶𝓈 𝒟𝓊 𝓋ℯ𝓇𝓈𝓉ℯ𝒽𝓈𝓉!

  • Dieses Thema enthält 7 weitere Beiträge, die nur für registrierte Benutzer sichtbar sind.

Jetzt mitmachen!

Sie haben noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registrieren Sie sich kostenlos und nehmen Sie an unserer Community teil!