Stoffe: Trends und Eigenschaften - eine Übersicht nach Medieval Garments Reconstructed

  • Handgewebt und planzengefärbt macht noch keinen authentischen Stoff – so oder so ähnlich liest man auch hier im Forum immer wieder richtigerweise verschiedene Hinweise, dass auch beim Thema Stoffe der Teufel häufig im Detail liegt. Das Problem: Zumindest ich als Anfänger tue mich mit genau diesen Details sehr schwer. Im Fundkatalog von Katrin Kania finden sich zwar häufig Webarten, Fadendichten und teilweise Nähte angegeben aber häufig fehlt eine Einordnung und die massive Varianz zwischen verschiedenen Funden lässt einen verwirrter zurück als zu Beginn der Recherche. Mir fehlte jedenfalls bis vor kurzem eine systematische und quantitative Einordnung von Stoffen und Nähten – zumindest bis ich gestern Abend nochmal „medieval garments reconstructed – norse clothing patterns“ von Lilli Fransen aufgeschlagen habe (eigentlich um ein Schnittmuster nachzuschlagen) und zu meiner Freude feststellen durte, dass sie genau das für den Grönländischen Fundkomplex gemacht hat. Beim Lesen wird zwar selbst dem Neuling sehr schnell klar, dass einige der Ergebnisse und Aussagen Besonderheiten eben dieser Region abbildet, dennoch hatte ich erstmals das Gefühl mit umfassenden Trends und Faustregeln konfrontiert zu sein. Gerade für Anfänger halte ich diese Arbeit daher für sehr geeignet um sich ein Gefühl für die Grundlagen der mittelalterlichen Stoffkunde anzueignen. Da ich davon ausgehe, dass es nicht nur mir so geht, hier mein Versuch das ganze kurz zusammengefasst auf Deutsch wiederzugeben. Einige Fachwörter konnte ich gar nicht oder nur wörtlich übersetzen. Fühlt euch gerne eingeladen diese zu korrigieren.

    Webgarne:

    - Kettfaden: lange Fasern, Zwirn: 40-50°, fast immer Z-gesponnen

    - Schussfaden: Unterwolle, Zwirn: 30-40°, immer S-gesponnen

    - Fadendicke: 0.7 - 11 mm, durschnitt etwa 1 mm


    Stoffe:

    - Webart: fast immer 2/2 Köper

    - Webdichte: Immer mehr Kettfäden als Schussfäden, 6x8 - 11/15 Fäden/cm, große Variation

    - Eigenschaften: dicht gewoben, wenn neu steif und unflexibel

    - Empfehlung für Rekonstruktionen: mehr als 10 Fäden/cm: 7/1 Garn, weniger als 10 Fäden/cm: 6/1 oder 5/1

    - Webstuhl: aufrechter Gewichtswebstuhl, häufig mit zwei Schiffchen, für schwerere Stoffe (wie hier häufig): Metallschwert nötig


    Farben:

    - Kettfaden: dunkel, Schussfaden: hell (Kontrast aufgrund schwarzem Haar und heller Unterwolle der Schafe)

    - Teilweise braune Wolle überfärbt mit Tannin (sowohl einer als auch beide Fäden kommt vor)

    - Ein Fragment mit Indigo/Waid,

    - Ein Krapp-gefärbter Besatz (vermutlich importiert)

    - Mehrere Beispiele von Rot-violett aus Flechten (bleicht sehr schnell zu Schlammgrau)


    Nähte:

    • Nähgarne: ausgewählte fein gekämmte Fasern, speziell fürs Nähen gemacht, nicht länger als 5 mm, S- oder Z- gesponnen, selten dicker als 1 mm, eventuell gewachst
    • Empfehlung: entnehmen von Kettfäden oder Garn mit Hand nach verzwirnen um Stabilität zu erhöhen
    • Nähte meist von der rechten Seite genäht
    • Singling um Schnittkanten abzusichern (max 3 mm), ,
    • Nahzugabe am häufigsten auf eine Seite geschlagen (alternierend zu und weg von nebeneinander liegenden Nähten)
    • Ausnahme Schulternaht,
    • Nahzugaben mit Überwendelstich fixiert, max. 7 mm umgeschlagen
    • aufstehender Nahtzugaben möglich
    • falsche Nähte um Symmetrie zu generieren,
    • Durchstiche an Säumen (Rocksaum, Halsausschnitt, Ärmelsaum, Gesichtsöffnungen von Kapuzen), manchmal zwei Reihen, max 3 mm Stiche, häufig auch als Dekoration
    • Stabilisierung und Fülle von Säumen: Ein oder zwei Fäden auf umgeschlagenen Stoff aufgelegt und unter Überwendelstich festgezogen (oder nicht?)
  • Das Buch habe ich auch und finde es sehr empfehlenswert! Man muss sich halt, wie Du schon schreibst, nur davor hüten die lokalen grönländischen Verhältnisse generell auf Europa zu dieser Zeit (oder gar auf andere Zeiten) übertragen zu wollen.

    It´s not worth doing something unless someone, somewhere, would much rather you weren´t doing it. (Terry Pratchett)

  • Das Buch habe ich auch und finde es sehr empfehlenswert! Man muss sich halt, wie Du schon schreibst, nur davor hüten die lokalen grönländischen Verhältnisse generell auf Europa zu dieser Zeit (oder gar auf andere Zeiten) übertragen zu wollen.

    Völlig richtig. Für mich dient es dennoch als Lückenfüller bzw. als Ergänzung zu Katrin Kania in der meines Wissens nach nicht wirklich detailliert auf Webgarne und Webdichten eigegangen wird. Ich werde bei Gelegenheit z.B. die Aussage "mehr Kettfäden als Schussfäden" anhand des Fundkatalogs von Kania zu überprüfen. Vielleicht ist das ja ein allgemeiner Trend etc. Wenn nicht, habe ich zumindest einen gezielteren Zugang zum Thema Webdichten bekommen als mir nur einzelne Angaben anzuschauen und dann frustriert festzustellen, dass ich so eine Webdichte gar nicht kaufen kann.

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