Guten Morgen allerseits,
da es kein Unterthema "Buchtipps" gibt, setze ich den Beitrag jetzt einfach mal dahin, wo der Roman spielt: ins Spätmittelalter!
Das Buch hatte ich zu meinem letzten Geburtstag bekommen, und nach anfänglicher leichter Skepsis (der Schreibstil ist zunächst gewöhnungsbedürftig) hat mich das Buch jetzt tatsächlich in Beschlag genommen. Ich lese es Abschnittsweise auf meiner 20-minütigen Fahrt im Zug zur Arbeit, und wieder zurück. Der Zielbahnhof kommt meist viel zu schnell, so interessant ist der Inhalt.
Um was geht es: ein Bader im Spätmittelalterlichen Mainz, welcher dort mit seinem Betrieb sehr erfolgreich ist, jedoch mit seinem geringen Stand hadert. Bei ihm gehen die Wohlhabenden ein und aus, was sich auch sehr zu seinem monetären Vorteil äußert, er selbst kommt standesbedingt jedoch nie in die von ihm gewünschten Sphären. Der Roman spielt zeitmäßig einige Jahre nach der großen Pestwelle von 1347-49, wann genau ist jedoch unklar. Es gibt im Verlauf des Buches eine Andeutung auf die Schlacht von poitiers 1356, aber das passt nicht so ganz mit dem Alter des Protagonisten zusammen.
Neben den Tätigkeiten eines Baders in seinem "Betrieb" werden auch die wundärztlichen Fähigkeiten gut erläutert, das sind aber nur Dinge, welche nebenbei beschrieben werden. Es geht weitestgehend um das Leben normaler Menschen in einer spätmittelalterlichen Stadt, mit all den alltäglichen Sorgen und Problemen. Die Ständegesellschaft, deren Vor- und Nachteile, der Glauben - und welchen Anteil er am täglichen Leben hatte - und insbesondere auch die menschliche Interaktion unter Berücksichtigung dieser zeitgemäßen Ansichten, Bräuche und Riten. Gegen Ende des Buches wird auch der wellenförmig um sich greifende Antisemitismus sehr eingehend erläutert und in die Storyline mit eingebunden.
Das Buch wurde 1992 erstmals veröffentlicht, und deckt sich erstaunlich gut mit den auch teilweise jetzt erst sich in der "Szene" durchsetzenden Erkenntnisse.
Bislang konnte ich nur drei Dinge feststellen, welche ich als fehlerhaft ansehen würde:
- in einem Halbsatz wird bei einem von der Stadt Mainz zur Verstärkung des Aufgebots angeworbenen Soldknechten von "Schuppenpanzer" gesprochen. Hier könnte sich beim Autor aber auch einfach nur ein falsches Wort eingeschlichen haben
- der Protagonist lässt für sich und einen seiner Knechte vom Schneider "enganliegende Hosen von neuester Mode, die am Wams festgenestelt wird" fertigen. Ich weiß nicht, inwieweit um 1356 diese Form der Hosen bereits aktuell war, ich denke eher nicht
- die Annahme, dass die in einem Badehaus arbeitenden Frauen automatisch auch "Dirnen" waren, ist von den neueren Erkenntnissen überholt.
Alles in Allem ein sehr gelungenes Werk wie ich finde, heute bzw. spätestens morgen werde ich auf dem Heimweg wohl das letzte Kapitel beginnen. *Heul*