Die Zusammenfassung soll hier zur Diskussion und gemeinsamer Wissensbildung beitragen.
Kritik und Ergänzungen sind absolut erwünscht.
Das sogenannte „Nagelmess/Nagelmes“ gehört zu den weniger eindeutig bestimmbaren Waffen- und Messerformen des europäischen Spätmittelalters. Der Begriff begegnet in verschiedenen niederdeutschen und niederländischen Schriftquellen des sehr späten 14. Jahrhunderts und reicht bis ins späte 15. Jahrhundert (vermutlich aber noch darüber hinaus).
Er erscheint dort in militärischen, wirtschaftlichen sowie rechtlichen Zusammenhängen. Trotz mehrfacher Erwähnung bleibt die genaue Gestalt dieser Waffe bis heute unsicher. Die überlieferten Schriftquellen legen jedoch nahe, dass das Nagelmesser eine verbreitete Seitenwaffe und auch ein robustes Gebrauchsmesser gewesen sein könnte, das insbesondere im alltäglichen und militärischen Milieu Verwendung fand.
Ich habe versucht, die historischen Belege zum Nagelmesser zu analysieren, dessen sprachliche Verbreitung sichtbar zu machen und die Kernfrage zu lösen, ob es sich hierbei um einen eigenständigen Waffentyp oder vielmehr um eine regionale Bezeichnung für bereits bekannte Messer- und Dolchformen wie Bauernwehr oder Baselard handelt.
Quellenlage und geographische Verbreitung
Die bekannten Erwähnungen des Nagelmessers stammen überwiegend aus dem niederdeutschen und niederländischen Raum. Die frühesten Belege datieren in das ausgehende 14. Jahrhundert. Der früheste mir bekannte Beleg, ist ein Göttinger Eintrag aus dem Jahr 1397, in welchem das Nagelmesser erwähnt wird. Weitere Nachweise finden sich unter anderem in:
- Utrecht (um 1445),
- Bocholt (1437),
- Soest (1445),
- Brielle (1445),
- Zutphen (1467),
- Aalst (1469).
Die Quellen umfassen Stadtrechnungen, Kriegsordnungen, Schadensverzeichnisse sowie chronikalische Berichte. Auffällig ist dabei die weite regionale Streuung des Begriffs, die auf eine zumindest überregional bekannte Waffenbezeichnung schließen lässt.
Sprachliche Formen und Begriffsentwicklung
Die überlieferten Schreibweisen variieren.
- „naghelmess“,
- „nagelmes“,
- „nagelmess“,
Diese Schwankungen entsprechen den typischen orthographischen Unsicherheiten spätmittelalterlicher Schriftlichkeit.
Die Wortbildung selbst bleibt problematisch. Der Bestandteil „Nagel-“ könnte sich auf:
- eine konstruktive Besonderheit (Wehrnagel)
- eine Befestigungsweise des Griffes (Griffangel?)
- oder eine charakteristische Form (Klingengeometrie)
beziehen. Eine eindeutige Erklärung existiert bislang nicht.
Da das Nagelmesser auch als einzig erlaubte Waffe vorkommt (Göttinger Statuten), soweit es eine Länge von einer halben Elle nicht überschreitet, könnte in der Eignung als Werkzeug begründet sein.
Aus moderner Sicht wäre in diesem Zusammenhang eine Panzerstecherklinge eher auszuschließen. Jedoch könnte hier auch ein grundsätzliches Selbstverteidigungsrecht ins Auge gefasst worden sein. Vielleicht wurde das Nagelmesser auch als Teil einer Kleiderordnung verstanden.
Die Quellen zeigen, dass das Nagelmesser jedenfalls nicht nur ein Alltagswerkzeug war. Mehrfach erscheint es im militärischen Kontext:
- in Ausrüstungslisten,
- bei Schadensaufstellungen,
- in Kriegsordnungen,
- sowie in Zusammenhang mit bewaffneten Bürgern oder Söldnern.
Besonders die Soester Kriegsordnung von 1445 deutet darauf hin, dass das Nagelmesser als zulässige oder erwartete Bewaffnung angesehen wurde. Daraus lässt sich schließen, dass Sie in diesem Kontext auch eine entsprechende Größe gehabt haben wird.
Typologische Einordnung
Bauernwehr
Aufgrund der Quellenkontexte, handelt es sich wohl um eine Waffe, die in Ihrer Charakteristik gleichbleibend, aber in unterschiedlichen Größen existierte.
Namensgebend könnte hier der sogenannte Wehrnagel sein, welcher zeitgenössisch überliefert ist.
In Bocholt könnte somit der vergleichbar niedrige Preis auf eine eher kleine Bauernwehr schließen lassen (10 Krumstert /ca 0,36 Gulden), während aus den Rechnungen des Landdrosten zu Zutphen, Johann Momm von Kell, drei Nagelmesser für zwei rheinische Gulden erwähnt werden. (0,666 Gulden).
In Utrecht (Zweiter Geldrischer Erbfolgekrieg 1423 bis 1444) kosten fünf Nagelmesser sogar fünf Gulden.
Langes Messer
XL I. Item, dat foo wie yemant yreeft in evelen wille met lange meffen , oft nagel- meffen daer de lemmer langer af is dan xij. duymen, bylen, gifermen, braem-meffen, fwecrden, clflen, daggen, prckelde-ftaven, gougen, hellebaerden, oft met andercon- geoorlofde ftocken, fal verbeuren x. Pont: daer afdie Hcere fal hebben die twec deelen, ende Schout ende Schepenen 't derden-deel, te weten , die Schout d'een helft , en de Schepenen d'ander helft
Nieuwe cronyk van Zeeland, S.353
Ferner gilt: Wenn jemand in böser Absicht mit langen Messern oder Nagelmessern, deren Klinge länger ist als zwölf Daumen, mit Äxten, Speeren, Brammessern, Schwertern, Dolchen, Degen, mit spitzen Stäben, Gleven, Hellebarden oder anderen unerlaubten Waffen angetroffen wird, so soll er zehn Pfund Strafe verwirken.
Davon sollen die Herren zwei Teile erhalten, und Schultheiß und Schöffen den dritten Teil nämlich der Schultheiß die eine Hälfte und die Schöffen die andere Hälfte.
(Diese Übersetzung ist mit ChatGPT angefertigt worden. Sollte sie fehlerhaft sein, bitte ich um Mitteilung)
Teilweise wird das Nagelmesser im Zusammenhang mit dem Langen Messer genannt.
Fraglich bleibt hier, ob wirklich das Lange Messer gemeint war, dass wir heute aus den Fechtbüchern kennen und schlussendlich auch, ob es sich beim Nagelmesser wirklich um eine Bauernwehr gehandelt hat.
Wenn wir aber den Gedanken zulassen, dass diese Waffen aufgrund ihrer typologischen Ähnlichkeit „nacheinander“ genannt werden - vielleicht von groß nach klein- scheint sich das Bild zumindest abzurunden. Auch werden hier „Daggen“ genannt, also Dolche, was die Benennung des Nagelmessers nach der Griffangel eher unwahrscheinlich macht.
Baselard oder Scheibendolch
Es könnte sich bei dem Nagelmesser auch um einen Baselard oder Scheibendolch handeln.
Dafür sprechen die Auszüge aus dem Middelnederlandsch Woordenboek.
Mit etwas Fantasie und gutem Willen, lässt sich in diesen Waffen auch eine Nagelform erkennen (Gehilz als Nagelkopf, schmale Klinge).
Eine Werkzeugtauglichkeit ist jedoch nicht vorhanden.
Eigenständiger Waffentyp
Ebenso möglich ist, das „Nagelmesser“ eine eigenständige regionale Bezeichnung für eine heute nicht mehr exakt rekonstruierbare Messerform war.
Dagegen spricht jedoch, dass es keine Bildquellen oder Funde gibt, die sich gravierend von den gängigen Waffentypen unterscheiden. Der Mangel an derartigen Quellen, scheint eine extra Begrifflichkeit daher überflüssig zu machen.
Des Weiteren kommt der Begriff Nagelmess/ Nagelmes häufig vor, was wiederum eine ausgeprägtere Verbreitung ebensolcher Funde und Bildquellen logisch erscheinen lässt.
Die Erwähnung des Nagelmessers in Inventaren, Geldwerten und Schadenslisten zeigt, dass diese Waffe einen realen wirtschaftlichen Wert besaß. Sie gehörte offenbar zur üblichen Ausrüstung bewaffneter Männer im spätmittelalterlichen Stadtwesen.
Darüber hinaus verweist die wiederholte Nennung in Rechts- und Militärtexten auf die zunehmende Regulierung privater Bewaffnung im 15. Jahrhundert. Es stand somit an der Schnittstelle zwischen Alltagsgerät und Kriegswaffe.
Das Nagelmesser stellt ein interessantes Beispiel spätmittelalterlicher Waffen- und Begriffsgeschichte dar. Die vorhandenen Quellen belegen eindeutig seine Verbreitung im niederdeutsch-niederländischen Raum zwischen dem späten 14. und dem 15. Jahrhundert.
Ob das Nagelmesser eine Bauernwehr, ein Baselard oder eine eigenständigen Messerform darstellt, lässt sich aufgrund der fragmentarischen Quellenlage derzeit nicht abschließend entscheiden.
Gerade diese Unsicherheit macht das Nagelmesser jedoch zu einem interessanten Forschungsgegenstand der historischen Waffenkunde, da es exemplarisch zeigt, wie schwierig die Rekonstruktion mittelalterlicher Sachbegriffe anhand schriftlicher Quellen sein kann.
Funde von Waffen im nordwestdeutschem und niederländischem Raum
Während im nordwestdeutschem Raum spätmittelalterliche Waffenfunde kaum dokumentiert und veröffentlicht sind (sehr eisenfeindlicher Boden, Verlust durch WK 2 , kein Interesse innerhalb der Forschung), sind die Niederlande aufgrund ihrer erheblichen Wasserfläche und der damit verbundenen Häfen und Wasserstraßen (zzgl. eines ausgeprägten öffentlichen Interesses) eine echte Fundgrube.
In den Funden dominieren hier zunächst kleine Nierendolche.
Jedoch wurden insbesondere Bauernwehren sehr zahlreich dort gefunden und sind entsprechend publiziert worden.
Auch für das Lange Messer lassen sich einige Funde nachweisen.
Scheibendolche und Baselarde konnte ich jedoch nur sehr vereinzelt nachweisen.