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(Bildquelle: ich)
Wir haben gestern mal wieder Der Eine Ring gespielt. Ich hab am Freitag Abend, nach der Arbeit, noch 5h an der Vorbereitung gesessen (ich bin der Spielleiter), hab für die 2 neuen Spieler basierend auf ihren gewählten Charakteren Papier Minis entworfen, etc.
Gestern Morgen habe ich noch dies und das vorbereitet, gegen 1400 kamen die neuen Spieler, wir haben die Regeln kurz besprochen und losgelegt. Für Schlüsselszenen oder Kämpfe habe ich die Szene mit einem kleinen Diorama visualisiert.
Gegen 1800 haben wir für eine selbstgemachte Pizza unterbrochen, der Klassiker bei P&P Runden und gegen 2200 waren wir fertig. Es folgte noch eine kurze Feedback Runde, und die grobe Planung, was die Spieler als nächstes tun wollen (das hilft mir, das nächste Abenteuer anzupassen).
Für 7h verschwanden wir in der Welt von Tolkiens Mittelerde (wir sind ja ein Reenactment Forum, daher mit Datierung: 2965 des 3. Zeitalters, also zwischen Bilbo's Reise zum Erebor und Frodos Aufbruch nach Bree).
Aus Martin dem Logistiker würde Bergmund, der Bardinger aus Thale, ein Kämpfer, Melli war nicht mehr Ingenieurin, sondern die Halblings Schatzsucherin Mentha aus Michelbinge. Mein Sohn war nicht mehr der Softwareentwickler mit Vorliebe für C+, sonder Golasdan, Sohn des Forlongs, ein rastloser Waldläufer der Dunedain. Meine Frau, im RL die rationale Seite von uns beiden, wurde zur impulsiven Hüterin Rosa, aus dem Breeland.
Und ich, der ich für alles was ich mache Methodik und Plan A, B, und C brauche, der alles in rationale Muster zerlegt und Klischees zerlegt, war der Spielleiter, der spontan Begegnungen erstellte, auf Spielerideen reagierte, mit einer kindlichen Freude Szenen und Dioramen aufbaute und mit shakespearischem Drama die Handlung dokumentierte. Ich, der sich in der Öffentlichkeit nichtmal ein Liedchen Pfeifen traut, wenn jemand in Reichweite ist, schlüpfte in die Rollen des semi-korrupten Hauptmann Gurnau, des ungehobelten Brückenwirts, der dümmlich freundlichen Wache Gunnar, der alten, aber geistig fitten Bibliothekarin Agna, des feigen und gierigen Fischers Alf, des zwergrischen Eisenhändlers Goreik - und einem Trupp Nordland Orks - inklusive passender Stimmen, Dialekte und Redeweise.
All das erfüllt alle Checkboxen von Realitätsflucht. Ich dachte nicht mehr an die klemmende Küchenschublade, meine Frau nicht mehr an Abgabetermine, unsere Gäste nicht mehr an Hausbau, mein Sohn nicht an die Berufsschule. Aber es war keine Flucht, was war eine Auszeit. Zeitlich begrenzt, es lud die Batterien wieder auf, und danach waren wir wieder im jetzt.
Warum diese Wall of Text? Ich denke, wie Eingangs geschrieben, jedes Hobby tickt die Checkboxen für Realitätsflucht per Definition. Aber ich bin strikt gegen die negative Bewertung dessen. Es ist natürlich, wichtig und sogar unverzichtbar, einen Gegenpol zu schaffen.
Die negative Bewertung, die bei Realitätsflucht untrennbar verbunden ist, ist meiner Meinung nach aus Unverständnis und Engstirnigkeit, manchmal auch einer eigenen Realitätsverweigerung geboren. Seit ich im Hobby Reenactment bin, erlebe ich immer wieder, dass die Menschen uns in Schubladen schieben. "Ritter spielen" und so... Selbst im Freundeskreis war die Vorstellung eher das, was wir in der Szene als Gewandcampen bezeichnen würde.
Ein guter Freund machte die Erfahrung, dass sein Hobby als Ersatzreligion, Götzen Anbetung und Verirrung aufgefasst wurde. Es wurde mich nicht wundern, wenn irgendwo in Bayern ein Pfarrer eine Messe für seine Heilung gelesen hätte. Ein guter Freund von mir war um mich besorgt, weil er befürchtete, dass mein Interesse für die düstere Welt von WARHAMMER echte Dämonen anlocken könnte.
Bei einem Treffen mit ehemaligen Kollegen meiner Frau und mir (ich war mal der IT Betreuer bei ihrem Arbeitgeber) erzählte meine Frau von unseren letzten Reenactments, es wurde als Verkleiden, LARP, Cosplay und Themenpartys verstanden, es war umfangreiches erklären der Motivation und des didaktischen Konzeptes dahinter nötig, um das aufzuklären.
Ich habe, im Zug dieses Threads und der wirklich interessanten Posts für mich etwas gelernt. Dieses Unverständnis, das Schubladen denken und die Vorurteile (nicht zwingend negativ behaftet, es ist eben wie die Leute es einordnen) ist eng mit dem verknüpft, was wir als "dumme Touris Fragen" kennen gelernt haben. Es ist (meistens) gar nicht dumm, es ist Unverständnis, und evtl auch der Versuch, das Eis zu brechen und ein Gespräch zu starten, im mehr zu Erfahren.
Klar, es gilt oft "Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht!" - und mache Mitmenschen sind einfach intellektuell teilmöbliert oder stehen auf Provokationen, meist auf dem Level des eigenen Weißwurst Äquators.
Bei anderen Hobbys ist es ähnlich. Mit Figuren am Tisch spielen? Ist das nicht was für Kinder? (Wobei Modelleisenbahnen komischerweise völlig valide für seriöse Erwachsene sind). Computerspiele? Ist doch nur was für Nerds und Psychos, die bei Mama im Keller hausen... Etc....
Und wenn wir ehrlich sind, im Hobby haben wir das, wenn auch selten und nicht mehr so häufig wie früher, auch. Ich weiss noch, das ein befreundeter Ordensdarsteller auf einen weltlichen Ritter wechselte, weil er die ganzen Templerwitze ala Koitus mit Schafen, Angebote von Wikingern eines Lindisfarne Events in seiner Kirche aka Zelt, etc nicht mehr hören konnte.
Ich kann mich auch gut erinnern, dass "Mach halt LARP!" oder die Empfehlung, doch lieber LARP zu machen, eine gängige Äußerung Gegenüber Leuten, die man wegen ihrer Sachkultur kritisieren wollte, war. Was impleziert, dass LARP ein Synonym für schlechte Ausstattung und Faulheit war.
Über einige Klischees bin ich auch Post COVID, um das als grobe Zeitrechnung zu nutzen, noch gestolpert.
Wikis wollen meist nur Met trinken und Kloppen... Ordensdarsteller sind überheblich. Spätmittelalter ist schw*ul (wie dumm muss man sein, das als Beleidigung zu nutzen....) und alle Spämis arrogante A- Pabste, etc... Da ich in der "Szene" recht breit vernetzt bin, habe ich auch ab und an durch den Buschfunk erfahren, was hinter meinem Rücken über mich und mein Wikiprojekt gesprochen wurde. Abseits von Gehässigkeit war da auch Unverständnis und Schubladendenken dabei.
Leben und Leben lassen ist ein sehr oft bemühter Spruch, im Alltag, vielen Hobbys, an Stammtischen und in Foren*. Aber manchmal geht es mir wie dem Schwertmeister Inigo Montoya mit dem Sizilianer Vizzini und ich denke mir, wie Inigo "Du benutzt diesen Ausspruch sehr oft, aber ich glaube nicht, dass du darunter das selbe verstehst wie ich!". (* ich finde, hier klappt das wohltuend gut!)
So, wie führe ich diese Wall of Text zu einem sinnigen Ende? Ich denke, ein Hobby, dass uns nicht aus dem Alltag abholt und eine Ablenkung bietet, ist kein gutes Hobby. Jedes Hobby muss in der Lage sein, einen Gegenpol zu bieten. Viele Aussagen über die Hobbys Anderer, auf die eigenen Hobbys angewandt, würden erstaunliches zu Tage fördern. Ich werde, weiterhin, auf solche Fragen erklärend reagieren, aber wenn ich merke gehen Windmühlen anzurennen auch die Energie anderweitig Fokussieren.
Ich wünsche allen viel Spaß in ihren Zeiten, Darstellungen, Hobbys, Leidenschaften, Ablenkungen und viele schöne "Urlaube vom Ich" (Danke Zauberin). Wir sind alle nur temporär hier, lässt uns die Zeit für großartige Momente miteinander nutzen!
Wer das Prinzip Pen and Paper nicht kennt...
Pen and Paper Rollenspiel ist ein komplett analoges Hobby. Man entwirft einen Alter Ego, der ja nach Regelsystem von mehr oder weniger Werten, Beschreibungen und Schlagworten definiert wird. Auf diese Werte wird, je nach Regelsystem, gewürfelt.
Das Spiel ist kooperativ, die Spieler folgen einer interaktiven Geschichte, ihre Entscheidungen Formen die Geschichte und den Aushang.
Einer der Spieler ist der Spielleiter, er ist der Geschichten Erzähler und quasi Schiedsrichter. Er lenkt das Abenteuer und reagiert auf alle Aktionen der Spieler - sein Ziel ist aber, in der Regel, nicht kompetiv, er will die Spieler nicht scheitern sehen, sondern zusammen Spaß haben.
Es gibt 100te bis 1000te Systeme und Welten, Fantasy, Historische Welten, SciFi, Apocalypse Satire, Horror, Cyberpunk. Das bekannteste ist Dungeons and Dragons, das bekannteste deutsche RPG ist Das schwarze Auge.
Ein klassisches Abenteuer ist, dass der Spielleiter erzählt "Ihr sitzt in einer Taverne, genießt euer Bier, als ein Mann hereinstümt, den Wirt am Kragen packt, und auf ihn einredet!". Der Dieb in der Gruppe sagt "Ich beobachte das!" - der Spielleiter lässt den Dieb auf Wahrnehmung würfeln, der wird gelingt, der SL erzählt: "Der Mann sieht nicht wütend, aber verzweifelt aus, nach einem Moment zeigt der Wirt auf euren Tisch und der Mann kommt zu euch und sagt Bitte, ihr müsst mir helfen, meine Tochter wurde entführt..." - jetzt können die Spieler reagieren, einen Preis aushandeln, ablehnen, was den SL vor eine Herausforderung stellt, etc. Im Verlauf des weiteren Spiels können sie die Tochter retten, oder sich entscheiden mit den Entführern gemeinsam Sache zu machen - oder feststellen, dass es eine Falle war ODER dass es keine Entführung, sondern eine Befreiung war. Auf alle das müssen sie reagieren und es ändert die Geschichte....