Reenactorism? Ausführende Tätigkeiten in Prunkkleidung?

  • Hi!

    Mir stechen auf VA häufig Situationen ins Auge, bei denen Darsteller in Prunkkleidung ausführende Tätigeiten übernehmen.

    Ich beziehe mein Beispiel aus dem skandinavischen FrüMi: Wiki-Darstellerin steht in der besten Kleidung, tolle Ovalfibeln, Seidenschleier und Brettchenbortenstirnband am Feuer und rührt im Kochtopf/Färbetopf herum.

    Ich glaube nicht, dass das ein 'realistätsnahes' Bild, einer gesamtgesellschaftlichen Darstellung vermittelt.

    Vermutlich handelt es sich dabei um einen Reenactorism. Man möchte die tolle Klamotte austragen und zeigen was man hat. Oder hat sich darüber noch keine Gedanken gemacht.

    Mir kommen dazu einige Fragen:

    - Welche Tätigkeit*en währe*n passend?

    - Wie sieht das in anderen Epochen aus? z.B. HoMi/SpäMi?

    - Wie haltet ihr das?

    - Stört euch das? Findet ihr es legitim?

    Liebe Grüße, Ask&Embla

  • Naja, davon abgesehen, dass es unglaublich unpraktisch ist mit der guten Klamotte und gar mit langem Seidenschleier am Herdfeuer oder Färbetopf zu stehen (es sei denn, ich überwache meine Bediensteten ...) stört es mich nicht direkt, finde es aber seltsam. Ich selbst hätte da viel mehr Angst um die guten Sachen als Bedenken, dass es das Bild verfälscht. Ich bin da manchmal auch gedankenlos ... denn, ich nehm mich da selbst nicht davon aus. Vielleicht hat man mal schnell ausgeholfen, da die Köchin oder Färberin (oder so) gerade mal auf die Latrine musste oder sich einen Kaffee (*hüstel*) geholt hat.

    Ein realistisches Bild ist das sicher nicht, diejenigen die sich wertvolle Fibeln und Stoffe, Seidenschleier und viel Schmuck leisten konnten hatten eben ihre Leute zum arbeiten.

    Habe ich aber auf einer Veranstaltung direkt geplant zu färben oder den ganzen Tag zu kochen, dann ziehe ich natürlich das Arbeitskleid an und ggf. eine Schürze.

  • Zu den bestangezogenesten Männern der Merowingerzeit gehörte der Heilige Elegius von Noyon. In der Heiligenvita wird seine Kleidung beschrieben. Purpur, Seide, Gold, Edelsteine ...

    Er war gleichzeitig Bischof, Schmied und königlicher Münzmeister.

    (Es gibt sogar Gemälde von Elegius aus dem Spätmittelalter und der Neuzeit, in denen er im vollen Bischofsornat herumhämmert.)

    In reich ausgestatteten Frauengräbern der Merowingerzeit finden sich gelegentlich eiserne Flachsbrechen. Flachsverarbeitung ist schon eine Arbeit, bei der es schmutzig wird.

    Eine Flachsbreche aus Holz würde für die Arbeit eigentlich ausreichen, daher handelt es sich hier um auch um Statussymbol. Luxusversionen für die Handarbeit gibt es jedenfalls aus der Merowingerzeit durchaus öfters, etwa eiserne Webschwerter, Webbrechen aus Geweih, Spinnwirtel aus Glas ...

    Aus Pfakofen (Landkreis Regensburg) gibt es sogar ein Keramik-Gefäß zur Färberei mit Kermes-Resten als Grabbeigabe.

    Es gibt zumindest für die Merowingerzeit einige Hinweise dafür, dass auch die Eliten handwerklich tätig waren.

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