Im Mittelalter waren Glaubenswelten ja oft vielschichtiger, als es in der modernen (Mittelalter) Darstellung erscheint. Heute tendieren Reenactment-Gruppen oft dazu, klare Trennlinien zwischen „christlichen“ und „heidnischen“ Darstellungen zu ziehen – doch in der historischen Realität waren die Übergänge oft fließender und pragmatischer. Wobei ich als "Wiki" sagen muss, dass leider auch oft die Wikidarstellung herhalten musste, um bläut-heidnische Wunschvorstellungen und moderne Ressentiments auszuleben. Ich bin da auch ehrlich, ich war zu Beginn der Darstellung da auch kein super Beispiel, da ich auch vielen romantisierten, Dogmen aufgesessen bin und die auch mit Grandezza transportiert hatte.
Aber ich erkannte langsamer als mir lieb ist zuzugeben, dass besonders im frühen Mittelalter, während der Christianisierung Europas, vorchristliche Traditionen mit christlichen Vorstellungen verschmolzen, sodass Menschen beider Weltbilder oft mehr gemeinsam hatten, als es heute scheinen mag. Ein gutes Beispiel für diese Gemeinsamkeiten ist die Frage nach Sterblichkeit und dem, was nach dem Tod bleibt.
Im Johannesevangelium (11:25) verkündet Jesus: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.“ Dieser Vers spricht vom christlichen Glauben an das ewige Leben und betont, dass der Tod nicht das Ende ist, sondern ein Übergang zu etwas Größerem. Er bietet Gläubigen Trost und ist zugleich eine Aufforderung, ein Leben voller Glauben, Rechtschaffenheit und Liebe zu führen.
Interessanterweise findet sich eine auffallende Parallele dazu in einem alten nordischen Gedicht aus der Hávamál, einer Sammlung von Weisheitssprüchen (im Kontrast zur Bibel ist das Havamal keine religiöse Anordnung), die Odin zugeschrieben werden. Eine berühmte Strophe lautet:
"Vieh stirbt,
Verwandte sterben,
du selbst wirst auch sterben;
doch eines weiß ich, das niemals stirbt:
der Ruhm der Taten eines Toten."
Auf den ersten Blick scheint dieser Vers nur über den Nachruhm zu sprechen, also dass unser Ansehen nach dem Tod weiterlebt. Doch ähnlich wie die biblische Perspektive geht er tiefer. Die Hávamál lehren, dass unser Leben – unser Mut, unsere Güte und unsere Weisheit – einen bleibenden Eindruck in der Welt hinterlässt. Im nordischen Denken ist dies eine Form der Unsterblichkeit: Unsere Taten, unsere Ehre und die Liebe, die wir teilen, vergehen nicht mit unserem Körper.
Beide Perspektiven stimmen darin überein, dass unser Leben auf der Erde vergänglich ist, aber sie bekräftigen auch, dass es etwas über den Tod hinaus gibt. Das Christentum betont den Glauben an Gott als Schlüssel zum ewigen Leben, während die nordische Weisheit die bleibende Kraft von Taten und Charakter hervorhebt. Auch der Glaube an die Asen verspricht ein leben nach dem Tod, basierend auf den taten im Leben, aber weniger als Belohnung, wenn man tiefer gräbt, denn hier entscheiden die Taten, wer an wessen Seite kämpft, wenn das Ende der Welt naht.
Doch beide Weltbilder fordern den Leser oder Zuhörer auf, ein gutes, ehrliches und mutiges Leben zu führen, denn was wir in dieser Welt tun, hallt über unsere eigene Sterblichkeit hinaus wider – sei es in der Gegenwart Gottes oder in der Erinnerung derer, die nach uns kommen.
Während der christliche Glaube die Auferstehung durch Christus lehrt und die nordische Sichtweise die Unsterblichkeit der Taten betont, erinnern uns beide Traditionen daran, dass für unsere Vorfahren das Leben nicht nur ums Überleben ging, sondern darum, mit Sinn, Mut und Liebe zu leben. Und damit haben beide Seiten mehr gemeinsam, als man auf den ersten Blick denken mag!