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Beiträge von SteuerBacchus
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Das Umwickeln mit dem Mantel scheint sogar im Stehen zu funktionieren. Zumindest sieht diese Abbildung sehr nach einem umgebundenen Handtuch aus.
Mit der Aussage wäre ich vorsichtig. Das Umwickeln war in der mittelalterlichen Buchmalerei oft nur ein Stereotyp, um anzuzeigen, dass es sich um biblische oder himmlische Figuren handelt. Der Joseph-"Mantel" scheint mir in die Richtung zu gehen.
Die Naumburger Stifter sind alle auf sehr unterschiedliche Weisen in ihre Mäntel gewickelt, bzw. tragen diese zurückgeworfen. Sie sind zwar tot, aber keine biblischen Figuren. Man kann sicher nicht bestreiten, dass mit den Trageweisen in der Kunst irgendwie kommuniziert wurde, aber das schließt deren zeitgenössische alltagstauglichkeit nicht aus. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass Maria und Josef in der Abbildung von TimMG mit Halbkreismänteln und nicht mit rechteckigen Tüchern dargestellt sind, weil das für mich bei anderen Abbildungen oft mit dem Fall des Stoffes besser hinhaut. Der Zackenstil macht es uns aber schwer das klar zu bestimmen, deswegen will ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen.
Trägt sich dennoch nicht angenehm. Der Mantel, den ich auf meinem Avatarbild trage, ist ein nach diesem Vorbild gefertigter 3/4tel Kreismantel.
Ohne (die später eingefügten) Abnäher auf den Schultern rutscht der nach hinten und verursacht ein leichtes Würgegefühl am Hals.
Ich hab auch einen 2/3-3/4 Kreismantel mit angedeutetem Halsausschnitt gemacht und glaube mittlerweile, dass das ein Fehler war. Sowohl was die Belegbarkeit als auch den Tragekomfort angeht. Mit einem ganz schlichten Halbkreis, ohne Halsausschnitt, gelingt beides besser. Ohne Halsausschnitt neigt der Stoff dazu, etwas höher im Nacken zu stehen aber das lässt sich in den Abbildungen der Zeit durchaus auch erkennen.
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Birgit und Katharina de Lo, ihr habt euch zum Halbkreis/Tasselmantel ja schon geäußert und ich weiß eh schon, dass ich mit der Meinung recht allein dasteh, aber ich finde diese Mantelform in vielen Situationen super funktional und praktisch.
Für alle Situationen, in denen man die Arme frei braucht oder sich nach vorne bückt, ist er natürlich nix. Also zum arbeiten draußen sowieso nicht. In den Situationen ist nach meiner Erfahrung jedweder Mantel sowieso das falsche und man ist mit vielen Lagen Tuniken immer noch am besten beraten. Optimal wäre wahrscheinlich irgendwo noch eine Schicht Pelz dazwischen.
Ich denke der "Trick" beim Mantel ist, ihn weniger als Kleidungsstück, sondern als tragbare Decke zu sehen. Der nächste Schritt ist es dann so zu machen, wie alle, die zuhause am Schreibtisch im Home Office frieren, die Decke über den Schoß und die Schultern zu legen, sie also nicht nur im Liegen zu benutzen. Und zum Schluss macht man die Decke irgendwie an sich fest, sodass man sie auf dem Weg in die Küche - oder schlimmer: nach draußen - nicht mehr ablegen muss.
Und weil man das Ding ja vor allem deswegen trägt, weil es halt ein historisches Kleidungsstück ist, nimmt man am besten alle möglichen überlieferten Trageweisen dafür mit und wendet sie in den passenden Situationen an. Thoralf Hiltjuson , du hast ja schon ein Youtubevideo für den Rechteckmantel gepostet, aber auch beim Halbkreis/Tasselmantel findet man super viele Trageweisen, wenn man dafür die Augen offen hält. In einer Ritterordensregel (müsste ich raussuchen) wird auch gemahnt, dass die Brüder zumindest im Kapitel ihre Mäntel vernünftig, d.h. mit dem offenen Ende vorne, tragen sollen aber allein die wenigen Abbildungen von Ordensrittern belegen schon, dass da ganz verschiedene Trageweisen angewendet wurden.
Was den repräsentativen Halbkreismantel angeht - der ist zum Warmhalten zumindest in der Ausprägung als Tasselmantel denkbar ungeeignet, weil halt vorn kein Mantel = nix warm.Die Erfahrung habe ich eben nur in der "Darth Vader"-Trageweise gemacht. Wirft man sich einen der vorderen beiden Zipfel locker über die gegenüberliegende Schulter, dann ist der Mantel z.B. eine geschlossene Glocke, die nur noch unten offen ist und in alle Richtungen Wind abwehrt. Alternativ kann man auch schnell von innen in den Stoff greifen und die Arme verschränken, was ja eh eine instinktive Geste ist, wenn man friert. Der Bonus zum Gardecorps und der Cappa ist, das so auch die Hände warm sind.
Im Sitzen kann man sich natürlich ebensogut selbst in den Mantel einrollen und hat damit den Stoff ziemlich gut zur eigenen Isolierung verwendet.
Sobald man dann vorm Ofen steht, kann man den Halbkreismantel auch einfach zurückschlagen oder viel leichter ablegen als eine Garnache/Gardecorps etc. Deren Vorteil zeigt sich, glaube ich, vor allem beim Reiten, wenn der Gegenwind wirklich zuverlässig von vorne kommt und man die Hände nicht so gut frei hat.
Insofern passt die Zuschreibung Mantel = Universeller Alltagsüberwurf für wann immer die Arme grade still sind, Gardecorps = Reisegewand (v.A. für Reiter?) im großen und ganzen schon.
Und ja, natürlich gibt es dabei auch eine repräsentative Funktion. Das Kleidungsstück vor allem darauf zu reduzieren, wird ihm aber meiner Meinung nach nicht gerecht

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SteuerBacchus Da es sich um Frauenkleider handelt, sind da natürlich Hemden gemeint, da die Verwendung von Unterhosen/Bruchen für Frauen im Allgemeinen eher abgestritten wird. Aber darum ging es mir hier primär nicht. Ich wollte eher auf die deutlich höhere Verfügbarkeit von Wolle gegenüber Leinen und damit den "bescheideneren" Status der Wolle hinaus.
Steht das mit dem Bruchenverzicht der Zisterzienser tatsächlich so in deren Regel? Das war mir jetzt wirklich neu.Danke. Du hast natürlich auch Recht, Wolle ist das Material für Ordenskleider. Das Ding ist halt, die Benediktsregel spricht dabei halt immer von Überwürfen, also Tuniken, noch mehr Tuniken und Überwürfen über die Tuniken. Ob noch was drunter getragen wurde, also ein spätantiker Lendenschurz / subligaculum, steht da nicht.
Hosen (braccas) kommen in der Benediktsregel auch vor, sollen aber nur auf Reisen getragen werden und danach wieder zurückgegeben. Jetzt versteht ein Autor aus dem 6. Jh. unter braccas vielleicht etwas ganz anderes als ein Leser aus dem 12. Jh.
. Für die Zisterzienser, die die Benediktsregel streng so auslegen wollten, wie sie da steht heißt das: Bruchen nur auf Reisen, sonst nicht / nix. Ich komme nicht um den Wortwitz: Andere Ordensleute, die das freizügiger interpretiert haben, fanden das Ergebnis dieser Auslegung zu freizügig
.Auf die Idee, ganzjährig eine Wollbruche tragen zu müssen, kam meines Wissens kein mittelalterlicher Orden in einer Weise, die wir durch Quellen sicher fassen können.
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Ich finde Bildquellen als Beleg für etwas zu verwenden, dass unter etwas anderem getragen werden könnte etwas schwierig. Nur weil ich da etwas nicht erkennen kann, heißt es nicht, dass es nicht da ist und Handschriftenminaturen erheben wohl kaum einen Anspruch auf Vollständigkeit.
Nehmen wir als Beispiel weiter die Maciejowski-Bibel müssen wir, der selben Logik folgend, auch davon ausgehen, dass die meisten Ritter ihre Kettenhaube auch ohne Zwischenschicht direkt auf der Kopfhaut trugen. Ich würde daher die Anhänger der "Nur Tunika unter dem Ringpanzer Fraktion" konsequenterweise bitten, das auch so zu handhaben.
Wenn wir zusätzlich Schriftquellen hinzuziehen, zeichnet sich auch ein anderes Bild. Zumindest habe ich noch nirgends "Zieh einfach eine/n Tunkia/Cotte/Rock drunter, passt schon" gelesen. Natürlich stehen wir da wieder vor dem Problem, dass wir nicht exakt wissen, was da genau für ein Stück Kleidung/Rüstung beschrieben wird, aber eine einfache Cotte scheint es wohl nicht zu sein, sondern eher ein für seine Schutzfunktion extra angefertigtes Stück Textil.
Es gab dazu mal einen sehr hilfreichen Thread auf armoury.com,
Spoiler anzeigen
aus dem ich mal die ins englische Übersetzen Zitate reinkopiere:
Aliscans, 1180-1190
The baron throws it with great force
and it tears the brilliant hauberk (hauberc)
and pierces the aketon (auketon)
it even tears the vermilion gown (ciglaton)
and pierces the chest as far as the lungs.
Diu Crône, 1220-1230
When the time came the following morning for every man to get ready for the tournament, many were plainly concerned with the contests ahead, because they dressed slowly and with care. They put on mail chausses (hosen), knee cops (schellier) over them, then a gambeson (wambeis) and a collar (collier). They had to have a hauberk (halsperc), of course, and two or three squires to tie on the coif (coifen) and arrange the armor (wâfen) so that it fit well. After that they needed a plate in front of their chest (vür die brüst ein blat): they had to have one in the arena since it was very useful in a joust. After everything was covered by a gambeson (wambeis) or a silk surcoat (wâfenroc sîdîn), they were indeed dressed like knights.
King's Mirror/Speculum Regale/Konungs-skuggsjá, c. 1250
Above and next to the body he should wear a soft gambeson (blautan panzara), which need not come lower than to the middle of the thigh. Over this he must have good breast-plates (góðar brjóstbjörg) made of good iron covering the body from the nipples to the trousers belt ; outside this, a well-made hauberk (góðar brynju) and over the hauberk (brynju) a good gambeson (góðan panzara) made in the manner which I have already described but without sleeves.Ohne hierfür einen Beleg zu haben, sondern aus der Praxis, für die Praxis: unter meinem Rinpanzerhemd (siehe Avatar-Bildchen) trage ich ein wollenes Wams. Dieses Wams ist ein hierfür bestimmtes "Arbeits-Wams", das durchaus schmutzig werden darf. Aber: ich möchte das doch recht teure Wams nicht binnen einer Saison verschleißen, der Ringpanzer setzt der Wolle doch recht stark zu. Vom Öl gar nicht erst zu reden.
Das Wort Wams/Wambais/usw. kenne ich aus mittelhochdeutschen Texten und Wörterbüchern eigentlich auch vor allem, wenn nicht nur, in militärischem Kontext, aus Leinen, Baumwolle oder Seide und mit der Implikation, dass es für seinen Zweck irgendwie besonders verarbeitet oder gesteppt ist.
Z.B. im Mittelhochdeutschen Wörterbuch von Benecke, Müller, Zarncke:
wambîs stn. wamms, zunächst ein theil der rüstung. Schmeller 4,77. Frisch 2,420. c. W. Grimm in H. zeitschr. 6,328. holländ. bambeis. prov. gambais, gambaison, altfranz. wambais, gambeson Diez wb. 163. mlat. wambasium, wambosium Du Fresne unter gambiso. im deutschen gestaltet sich durch einfluß des französischen die endung verschieden. ich swîge als ein wambîs
wîs) Helbl. 3,198. vgl. 2,1266. Teichn. 136. wambois Herb. 9024 u. anm. wammis das. 8710. kleiniu wambasch Lanz. 3811. dâ lît îsen inne und in dem wanbesch MS. 2,71. b. eʒ schrôtet manegen îsenrinc unt machet wambeis lære Nith. 21,9 (92,3 H.) wambeis krone 53. a. 224 Sch.
https://woerterbuchnetz.de/?sigle=BMZ&lemid=W00282Wörtlich erklärt wird das z.B. hier:
Chronicon Colmariense, 1298:
Armati reputabantur, qui galeas ferreas in capitibus habebant, et qui wambasia, id est, tunicam spissam ex lino et stuppa, vel veteribus pannis consutam, et desuper camisiam ferream, id est vestem ex circulis ferreis contextam, per quae nulla sagitta arcus poterat hominem vulnerare.
Thus considered armed, that he had an iron helmet on his head, and his wambasia, that is, a thick tunic out of linen and tow, or old rags sewn together, and above an iron shirt, that is a garment woven together of iron rings, through which no man was able to wound with the arrows of bows.Es scheint sich vom französischen Gambeson herzuleiten, was sich grob mit einem gesteppten Stück Stoff übersetzen lässt, aber auch für militärisch Verwendete Kleider verwendet wird:
1296: Ordonnances des Metiers de Paris
Que nus (armuriers) ne puisse fere cote ne gamboison de tele dont I'envers et I'endroit ne soit de tele noeve, et dedenz de coton et de plois de toiles, et einsi que est qu'il soient dedenz d'escroes.
That we (armourers) shall make neither coat nor gambeson of fabric, of which the lining and outside are not made of new fabric, and of cotton inside, and of more fabrics, and also that they be inside made of rags. -
Daher kenne ich auch aus einer Ordensregel für Nonnen (wo genau habe ich vergessen, das müsste ich raussuchen) die Aussage, dass die Schwestern grundsätzlich Unterkleider aus Wolle tragen sollen, nur während der Zeit ihrer Monatsblutung sollen leinene Unterkleider erlaubt werden, da diese leichter zu reinigen sind.
Und sind mit Unterkleidern da Hemden gemeint oder Hosen/Bruchen?
Zum Thema Wollbruchen: Es gibt unzählige regulierte Ordensgemeinschaften, die Bruchen tragen, einschließlich Bettelorden, Augustiner, Franziskaner, und Dominikaner. Bei allen sind sie aus Leinen. Dito bei allen mir bekannten Ritterorden.
Auch die Zisterzienser, an denen sich viele Templerdarsteller im Zweifelsfall gerne orientieren, trugen damals keine Wollbruchen - sondern gar nichts unter der Tunika.
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Eine Frage die mich seit Jahren beschäftigt ist : warum sucht man sich Kreuzritter als Darstellung aus ?
Einfach. Du willst Ritter spielen, aber dann rechnest du durch, was der ganze gute Stoff und das Edelmetall noch extra oben drauf kosten würde und checkst deinen Kontostand. Dann flüstert dir der Heilige Bernhard von Cliairvaux ins Ohr, dass das auch ohne geht - mit einem ganz simplen Trick

Im Ernst, das finde ich eine super Frage, danke! Gerade Ritterorden sind in meiner Erfahrung ein super Einstieg in ganz viele Themen, die zum besseren Verständnis des Mittelalters beitragen können, weil das ganze Konzept voll von Widersprüchen ist. Sowohl für unsere heutige Weltsicht als auch für die Menschen damals.
Zum Beispiel der komplette Widerspruch zwischen einem geistlichem, Gott zugewandten Leben in einer Gemeinschaft, und weltlichem Rittertum. Wie kann das überhaupt zusammenpassen?
Oder dem Konzept einer Ordensgemeinschaft aus unter sich gleichgestellten Brüdern, die aber dann trotzdem zwischen Klerikern und Laien, ritterlichem und nicht-ritterlichem unterscheiden. Und dann kommen auch noch Schwestern dazu, ob man(n) will oder nicht, oder doch eher weil man Männern allein nicht zutraut das mit der Krankenpflege selbst zu wuppen?
Oder eben die ewig aktuelle Frage, ob man als guter Christ, oder generell tugendhafter Mensch unter irgendwelchen Bedingungen zu den Waffen greifen und Krieg führen darf? Und falls ja, unter welchen Bedingungen und mit welchen Mitteln?
Dann kann man über Motive sprechen, die zu Pilgerfahrten oder eben Kreuzzügen führen. Welche Motive spielen da eine Rolle, was erhofft man sich davon und welche Parteien sind dabei involviert?
Und das spannende für mich ist: Über all diese Aspekte und noch viel mehr gab es damals einiges an unterschiedlichen Perspektiven und reichlich Diskussion. Genauso wie heute.
Du sagst:
Die Kreuzzüge sind ein dunkles und wenig ehrenhaftes Stück unserer Geschichte.Das ist deine Wertung, die viele Menschen in Spanien, Portugal und Süditalien eher nicht teilen würden, weil Kreuzzüge ein kernbestandteil ihres nationalen und regionalen Selbstverständnisses sind. In Frankreich, den BeNeLuxländern und Deutschland werden ehemals ansässige Ritterorden im Stadt- und Tourismusmarketing eingesetzt. Kreuzritter werden mit ihrer Bildsprache in der Popkultur immer mal wieder als tugendhafte, gerechte Krieger für eine gute Sache dargestellt, auch wenn es inzwischen viele Beispiele gibt, die genau das auf den Kopf stellen. Dagegen wird es in Osteuropa, in mindestens drei modernen Ländern zum Teil des nationalen Selbstfindungsprozesses inszeniert, einen Ritterorden im Kampf besiegt zu haben. Dabei kann der als Antagonist natürlich nicht besonders gut wegkommen.
Ich finde insgesamt wird man der Sache mit einer Gut-/Böse-Kategorisierung nicht gerecht. Sowohl aus Sicht der Zeitgenossen, als auch aus unserer modernen Betrachtung. Die Kreuzzüge haben definitiv ihre dunklen Aspekte, zeichnen sich aus meiner Sicht aber besonders dadurch aus, wie wenig nachvollziehbar sie für moderne Menschen sind. Denn abgesehen des, für uns heute fremden, Motivs der Absolution für eine bewaffnete Pilgerfahrt, wüsste ich nicht, wie ich Kreuzzüge als dunkler oder weniger ehrenhaft bezeichnen würde, als die meisten anderen Konflikte. Ich würde auch jedem widersprechen der sagt, dass sie in allen Aspekten etwas gutes, notwendiges und gerechtes waren, aber jetzt sind wir ja auch wieder bei den Nuancen.
In der Kommunikation mit Besuchern findet man nach meiner Erfahrung meistens recht schnell heraus, aus welcher Richtung sie kommen und hat dann die Möglichkeit, eine gegenüberliegende Perspektive zu beleuchten und neue Fragen in den Köpfen aufploppen zu lassen. Das menschliche Gehirn mag nämlich eigentlich keine Widersprüche und möchte das lieber schnell auflösen.
Das tolle bei Ritterorden ist außerdem, dass man viele dieser Widersprüche über die Historische Darstellung andeuten kann, und vieles so zum Gesprächsstoff werden kann.
Ich trage Kleidung, bei der die üblichen Standesmarker (Schnitt, Stoffart, Schmuck) komplett fehlen. Bediene mich aber dann trotzdem auf andere Weise symbolischer Kommunikation um unmissverständlich meinen Stand und meine Zugehörigkeit klarzustellen. (Das ist natürlich erklärungsbedürftig, aber für einen modernen Menschen, der Uniformen kennt, leicht zu verstehen.)
Ich esse und trinke besser als der Bevölkerungsdurchschnitt, muss dabei aber trotzdem Regeln befolgen und mich zurücknehmen.
Ich bete um Frieden (oder eher: lasse beten) und prüfe direkt im Anschluss ob nicht noch eine Schwert- oder Speerspitze geschliffen werden muss.
Usw.
Im Netz sehe ich immer nur die selben Bilder, ich beschreibe mal die Sichtweise des Besuchers : Umzüge von Männern die salbungsvoll gucken, die Schwerter wie Babys im Arm haltend und Messen oder messeähnliche Zeremonien vorführen.
Hihi, danke für diese Außenansicht. Ich erkenne da viel wahres dran und versuche dem Gesamtbild noch ein paar mehr Versatzstücke zu geben, aber das hab ich oben ja schon geschrieben. Was würdest du dir denn außerdem noch wünschen? Also was fehlt dir und warum denkst du, das passt nicht?
Ich finde deine Erkenntnis eh sehr spannend. Gefühlt war die "Szene" vor ein bis zwei Jahrzehnten noch das genaue Gegenteil. Es schien sich nur einigermaßen mühsam durchzusetzen, dass es auch anderes Auftreten gibt als den Wappenlappen über dem Kettenhemd, und warum es eigentlich Ordensritter heißen könnte.
Das Problem des "Pure & Tiny Slice of History" haben wir überall, Rom baute seine Zivilisation auf der Ausbeutung anderer Nationen auf, die Kreuzzüge als politische Machtspiele formten Ländergrenzen bis heute und auch im Rokoko und Victorianik kamen die teuren Stoffe aus ausgebeuteten Nationen mit Sklaverei. Denn solange man nur die heile Welt präsentiert, halten sich die Mythen ala "Ja damals, da war das noch ritterlich, mit Ehre und so!" - als ich auf meinem ersten Reenactment überhaupt war (Virginia Artillery, als Pulverjunge, mit 16), habe ich das immer wieder gehört, bis hin, dass Offiziere ja sowas wie edle Ritter waren. Wenn man sich zeitgenössische Berichte aus den Lazaretten von Antietam, Gettysburg oder Charleston durchliest, klingt das etwas anders. Und diese saubere Bild, dieses Verdrängen des "Finsteren" finde ich bedenklich. Eine wirkliche Lösung habe ich nicht, aber einen für mich gangbaren Weg aus meiner Recherche zu Orden gezogen, die ich dann für andere Zeiten übernommen habe.
Mir gehts da ganz genauso. Ich finde es in jeder historischen Darstellung schwer alles unter einen Hut zu kriegen und ein "rundes" Bild zu erzeugen. Ich sehe es aber nicht unbedingt als "Cherry Picking". Immerhin geht in dem Beispiel die Zeit eines (Ordens)ritters eher zu 99% mit Beten und Buchhaltung und zu 1% mit Dörfer überfallen drauf, als andersrum. Wenn ich als "Living History" den zweiten Aspekt mehr beleuchten will, ist dann das nicht noch mehr "Cherry Picking"? Immerhin nehme ich ein "Event", ein außerordentliches Ereignis und erkläre es gegenüber Besuchern zum "Alltag".
Einen "Reise" also einen kriegerischen Raubzug darzustellen wäre nach meinem Begriffsverständnis eher ein Reenactment eines konkreten Ereignisses. Das hab ich in Polen auch schon Ordensritter darstellen sehen, und ich glaube z.B. bei Wisby zieht man im Schlachtenreenactment auch die Rolle der Zivilbevölkerung mit ein. Aber in unseren Breitengraden würde das in der Form für Ordensritter auch wieder keinen Sinn machen. Da bekriegte man sich mit den Nachbarn eher in Briefform und im öffentlichen Auftreten, grausam misshandelt wird dabei nur das klassische Latein, - das ist aber für den Besucher wieder schwer zu verstehen, wenig spannend und man würde auch wieder nur salbungsvoll rumstehen und bestenfalls irgendwelche Zeremonien abhalten.
Was ebenso zutrifft, ist die Tatsache, dass wir es eben nicht so darstellen können wie die Ordensbrüder in ihren Niederlassungen lebten. Egal was gesagt wird ist es entweder komplett ins Fantasy Driftende, offener Klamauk wie sehr oft auf Mittelaltermärkten zu sehen, ziemlich anmaßende "wir sind die Ordensdarsteller Nr. 1" und leider auch unrealistische Museumsveranstaltungen. Würde man sich tatsächlich ernsthaft mit der wirtschaftlichen Basis der Niederlassungen beschäftigen käme man drauf.
Ich glaub ich versteh leider nicht so ganz, was du damit sagen willst. Ist es für die Darstellung des Mittelalters wirklich essenziell, dass das Getreide, dass ich in meinem Haferbrei esse zu mindestens 60% Fronarbeit stammt, und der Pflug von einem Ochsen gezogen wurde? Solange der Tuchhändler nur Paypal aber kein böhmisches Silber akzeptiert, ist mittelalterliche Kostümkunde nicht ehrlich zu vermitteln? Es ist doch eigentlich klar, dass man immer nur den Aspekt zeigt, den man eben vermitteln kann und bei dem das interessant und sinnvoll erscheint.
Ganz ehrlich, Es laufen eh viel zu viel Ritterbrüder in der Gegend rum. Manche Komturei in Europa hatte nicht mal einen Ritter im Haus. Alles nur dienende oder Zivilisten.
Und auf der anderen Seite ist es einer der definierenden Merkmale des Typus Ordensburg, dass man die Toiletten als eigenen separaten Gebäudeteil verwirklicht hat, statt wie sonst üblich als kleinen Aborterker an der Hauswand. Weil auf anderen Burgen halt üblicherweise über längere Zeit nur ein Ritter plus Personal sitzt und auf einer Ordensburg auch gerne mal ein Dutzend oder drei
.Das wiederum ist ein Problem, das jede Zeit, Region und Konfession von Darstellung hat: Alles Häuplinge, kein Fussvolk! Und jeder ist Zenturio, Ritter, Jarl, Freifrau, Tribun, oder irgendeine Form von Elitetrupp.
Ist mE so ein gesellschaftliches Ding. Heutzutage schmückt sich jeder im Berufsleben mit unsinnigsten hochtrabenden Bezeichnungen und hat letztendlich doch rein gar keine Entscheidungsbefugnis. Da muss es halt im Hobby die vermeintliche Adelsdarstellung sein.
Witzig, ich hatte bei den Veranstaltungen, die ich organisiert hab eher das Problem, dass keiner den Komtur oder sonst ein höheres Amt spielen wollte. Ich musste mit einer Extraration Wein und Süßigkeiten locken, damit sich jemand meldet.
Wobei ich euch nicht widerspreche, es scheint nur mehr die Ausstattung und visuelle Präsentation zu betreffen, als die Performance und Aufgabenverteilung.Was es für ein schönes Bild aber wirklich mehr geben darf, sind Priester und sonstige Kleriker. Da braucht man nämlich (sogar nach der Ordensregel) wirklich eine Minimalbesatzung, damit alles rund läuft und klingt, aber die Darstellung ist einfach nicht so beliebt leider. Aber das ist erstens jammern auf hohem Niveau und zweitens am Thema des Threads vorbei.
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Hallo zusammen,
vielleicht kennt mich noch jemand aus dem "anderen" Forum. Ich heiße sonst Tom, interessiere mich für Mittelalter. Ehemals auch als Student und Stadtführer, jetzt nur noch zum Spaß und fürs Living History.
Meine Schwerpunkte sind Orden, Ritter, Ordensritter und Ritterorden. Und alles was damit zu tun hat und noch ein bisschen mehr.

Wenn ich in Sozialen Medien unterwegs bin, und über vergangene Veranstaltungen poste, dann als "Milites Cruciferorum".
Ich freu mich auf die gute Zeit mit euch und auf viel anregende Gespräche.
