Ich glaube, da besteht immer noch ein Irrglaube, nämlich, dass Färbungen immer wie heute angewendet nachzuweisen sind, sprich: kipp Wolle in Alaun und dann in Krapp. Wenn man sich historische Färbrerezepte so anguckt, wurde da noch alles mögliche reingekippt (nicht immer, im Innsbrucker Färbebuch von 1330 ist es bei Krapp "nur" Eisen), nicht alles war wirksam ( Rotholz: Feldahorn,Essig,Alaun,Gummi Arabicum...)
Umgekehrt gibt es zig Namen für Farbtöne, da steht dann ja nicht "Krapprot". Was richtig ist, ist auch, wie Claudiu schrieb, dass es (und zwar schon im 13ten im städtischen Kontext) ja Quasiindustrielle Fertigung war- da wurden ja Massen verarbeitet. Weswegen solche Dinge wie Zwiebelschalen auch net klappen
Sprich: Verschiedene Farbtöne gab es, aber das waren etablierte Rezepte. Man darf nicht vergessen, dass das Zeug ja fleckenfrei rauskommen musste, es kam also nicht ein Kunde zum Färber, und sagte "mach mir meine 3m mal etwas oranger".
Weswegen bestimmte Töne dann eine bestimmte Herkunft hatten (Stichwort "Pariser Rot"), weil man sie dort beherrschte. Man konnte auch einen neuen Ton "erfinden", aber a.) musste der reproduzierbar b.) fleckenfrei erzielbar c.) Abnehmer haben.
In einer Hausfärbung ist das anders *aber* auch da wollte man das Zeug ja nicht verderben.
Plus, dass viel öfter auch das Garn gefärbt wurde.
Sprich, wenn es darum geht, ob es noch mehr Farbtöne als die klassischen Abstufungen der üblichen Kandidaten gab (Krapp, Indigo/Waid, Reseda, Birke - wobei die schlecht belegbar ist-, Walnuss, Rotholz usw.): ja sicher.
Wissen wir, wie sie die hinbekommen haben? Nein, selten. Betriebsgeheimnis
Wir haben die Textquellen zu Rezepten, da sind Mischfärbungen dabei ("Zwerghollunder, Indigo,Essig,Alaun", "Preisselbeeren, Rotholz,Alaun").
Ist das Zusammenkippen verschiedener Küppen belegbar? Imho nein. Kenne ich nix zu. Überfärbungen, ja, Mischfärbungen im Rezept, ja (wobei das am Ende ähnlich ist). Siehe auch unten. Typisch sind dunkle Farben durch Mehrfachfärbungen (Schwarz: Krapp und Indigo)
Ist es wahrscheinlich? Imho auch eher nein, weil das Ergebnis schlecht reproduzierbar und voraussagbar ist.
Kann es, wenn gelungen, andere Farbtöne des Mittelalters simulieren? Na klar.
Wissen wir, welche Farbtöne damals verfügbar waren? Naja, so ziemlich jeder. Manche (einige Lilatöne) sind eher eine Sache des Geldes (bzw, des Anspruchs, ob es lichtecht sein soll). Da muss man weg von Oberbekleidungstextilien gehen und dein Blick schweifen lassen, z.B. zu sowas wie Siegelbeutel, Stickereien, gerade klerikalen, Beuteln usw.
Bei figürlicher Stickerei braucht man eine Menge Abstufungen und Farbtöne- die sind dann teils in kleineren Mengen produzierbar. Da sieht man dann "was geht". Und das ist meistens besser erhalten. (Stichwort, Zitat EIngangspost "Trocken erhaltene Textilien (meist aus klerikalem Kontext) könnten verblasst sein"- können sie, sind sie aber grad bei Zweiseitigkeit nicht). Kann man das jetzt auf Wolle bzw. Tuche übertragen, die für Kleidung benutzt wurde? Ja.
Tipp: Nesat XIV "Colours in medieval seal bags versus archaeological textiles from Swedish cities"
https://blog.nationalarchives.gov.uk/medieval-seal-bags/