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    Silvia kann man die genannten Fadendichten auf modern gefertigte Gewebe übertragen? Wir besuchten gestern das Steinfurt Ting und dort wurden von verschiedenen Händlern Stoffe in unterschiedlichen Qualitäten angeboten. Von Industrieware mit chemischer Färbung bis hin zu handgewebt und pflanzengefärbt in unterschiedlichen Gewichten. Die ebenfalls für Anfänger verwirrend sein können. Einige geben in g pro lfm an, andere in g pro qm. Und Zack, das Falsche gekauft.

    Ist in dem Thema eine Detailfrage. "Dicker" heißt für mich auf Stoffe um die 330-350g zu gehen. Obwohl ich noch etliche Meter um die 650g liegen habe. Totaler Fehlkauf. Anfängerfehler.:unamused_face:

  • Der Vollständigkeit halber kopiere ich die Feinheiten nach Tidow auch noch mal hier rüber, wobei mir im Moment noch nicht klar ist wie Tidow zählt, ob Kette und Schuss zusammen gerechnet werden. In einigen Publikationen werden die Fäden auf 2cm gezählt, wieder andere zählen Kette und Schuss separat auf, in den einzelnen Publikationen muss das aber irgendwo vermerkt sein.

    Tidow DER Textil-Fachmann der etliche Publikationen veröffentlicht hat und wirklich viele Originale untersucht hat, hat einen Standard fest gelegt nach dem die meisten Textilarchäologen heute arbeiten.

    Tidow unterteilt historische Gewebe in unterschiedliche Feinheiten, jeweils auf einen cm gemessen:

    sehr grob bis zu 5 Fäden

    grob bis zu 8 Fäden

    mittelfein bis zu 12 Fäden

    fein bis zu 18 Fäden

    sehr fein über 18 Fäden


    Es ist mit den Stoffdicken nicht einfach. Bei Industrieware ist das Gewicht ein guter Anhaltspunkt. Generell sollte man sich Stoffproben schicken lassen. Zu den Industriestoffen kann ich selbst nichts sagen, ich kaufe selten online, sondern lieber direkt da wo ich die Ware anfassen kann. Mir fehlt da die Erfahrung, ich habe schlichtweg keine Ahnung was wie viel wiegt.

    Zum Handgewebten Stoffen :

    in der Regel geht man in der Handweberei viele Kompromisse ein. Der Kunde denkt meist wenn es pflanzengefärbt und handgewebt ist dann ist es so was von *A*, aber das stimmt so nicht, denn die Garne die es benötigt sind nicht käuflich. Die meisten Original Stoffe aus Wolle sind aus Single Garnen in unterschiedlichen Spinnrichtungen gearbeitet. Die Garne sind fest gedreht und vermutlich fühlten sie sich anders an als das was wir heute kaufen können. Der Griff wird meist Richtung Arbeitskleidung (Chino) gegangen sein. Es gibt viele Möglichkeiten der Endveredlung über die wir heute viel zu wenig wissen. Man muss jeweils in die Publikation zu einem bestimmten Fragment oder Kleidungsstück schauen um eine gute Rekonstruktion herstellen zu können : Stärke der Fadendrehung, Fadendichte, Micronstärke des Einzelhaars im Faden, mögliche Endveredlung und Abschätzung was dem Gewebe z.B. im Boden ausgesetzt war. Diese Werte findet man in den Publikationen.

    Will man ein Stück rekonstruieren, fängt das Projekt in der Regel vor dem Faden, bei der Auswahl der richtigen Schafrasse an und spinnt für ein Probegewebe. Man berechnet den Einsprung und fertigt ein Probegewebe, wäscht es und vergleicht es mit dem Original. Ist man zufrieden kann man weiter Garne herstellen ...

    Für besondere Museumsprojekte kann man diesen Aufwand betreiben, wenn man in der Lage ist dies alles für sich selbst zu machen sicherlich auch. Für normale Kunden ist das unerschwinglich. So steht am Anfang des Projekts die Überlegung an, warum möchte man etwas Handgewebtes ? Es macht Sinn ein Muster zu weben das man so nicht kaufen kann wie z.B. die wunderbaren Musterstoffe aus Niederstotzingen. Oder man möchte ein Konfektioniertes Gewebe mit Schmuckstreifen an bestimmten Stellen, wie Saum oder über der Brust verlaufend. Eine besondere Farbkombi die man so nicht kaufen kann, oder Formgewebte Stücke, wie Prachtmäntel mit angewebten Borten.

    In all diesen Fällen steht die Optik im Vordergrund. Nun beginnt die Suche nach dem richtigen Faden. Er muss robust und reißfest sein, darf nicht zu sehr mit Appretur versehen sein, damit er die Pflanzenfarben noch aufnimmt. Bis aus den Fäden ein Gewebe wird, geht jeder Zentimeter mehrmals durch Hände, in der Regel fällt deshalb die Wahl auf gezwirntes Garn in einer annehmbaren Stärke. Die Auswahl ist da recht beschränkt, kaum hat man eine gute Spinnerei gefunden muss sie schließen. Garn für Reenactor Stoffe stellt niemand industriell her, auch wenn das hier und da gerne erzählt wird und falls doch gebt mir bitte die Bezugsquelle.

    Warum ich Euch mit diesem Nerd-Zeug quäle : ein Gewebe mit 10 Fäden auf einem Zentimeter in der Kette kann aus dünnen Fäden gearbeitet sein, aus aufgeplusterten chemisch behandelten Fäden wie dem Islandgarn, aus dicken oder auch hart gedrehten Fäden. All diese Garne haben unterschiedliches Gewicht. Dichte und Gewicht wirken sich auf den Fall der Gewebe aus. Je dichter ein Gewebe ist um so steifer ist ist.

    Wenn man Euch also irgendwo am Wegesrand etwas Handgewebtes anbietet, fasst es an, schaut auf den Fall. Fragt nach der Fadendichte. Handgewebt ist toll, aber es macht nicht grundsätzlich authentischer.

  • Off Topic, kann gerne verschoben werden, wenn es hier nicht passt:

    Thoralf Hiltjuson

    Einige geben in g pro lfm an, andere in g pro qm. Und Zack, das Falsche gekauft.

    Ist in dem Thema eine Detailfrage. "Dicker" heißt für mich auf Stoffe um die 330-350g zu gehen. Obwohl ich noch etliche Meter um die 650g liegen habe. Totaler Fehlkauf. Anfängerfehler. :unamused_face:

    Kannst du dann für mich bitte kurz spezifizieren, welche Angabe du hier meinst? Also 330-350g/lfm oder /qm? Damit könnte ich einschätzen, welches Stoffgewicht sich für „dickere Stoffe“ deiner Erfahrung nach bewährt hat. (Kannst du auch gerne im Gugel-Thema machen, wenn das hier nicht so gut reinpasst.)

    Ich habe hier auch ungenaue Angaben im Gugel-Thema geschrieben und nicht klar gemacht, dass in lfm angegeben ist, wurde mir auch nur durch deinen Beitrag hier gerade erst bewusst, weil für mich dieses Stoffgewicht grade auch Thema ist.

    Bei Lucia habe ich jetzt nur eine Bahnbreite von 1,5m gefunden egal ob Leinen, Wolltuch, etc. Beim Stoffdealer schon 1,4; 1,5 und 1,6m je nach Stoff.

    Um die Stoffe wirklich vergleichen zu können, (ohne betatschen zu können und noch nicht ein paar Kleidungsstücke genäht zu haben), muss ich also prüfen, in welcher Einheit (/lfm oder /qm) der Händler das Gewicht angibt, und ggf. beide Werte auf „/qm“ umrechnen.

    Das ist mit eurer Erfahrung vielleicht garnicht so wichtig, weil ihr schon wisst, welche Gewichtsklasse funktioniert, bzw. eurem Gusto entspricht, für Neulinge wie mich, trotzdem interessant, weil ich gröbere Fehlkäufe verhindern kann. (Ich kann mir zwar immer noch nicht vorstellen, dass dieses Wolltuch mit 480g/lfm bei der Gugel Regen abhält. Würde mich aber natürlich auf eure Erfahrung und Lucia verlassen!)

    Silvia meine schöne gefütterte Gugel ist durch dein Thema natürlich jetzt erledigt, da ich eher Richtung Bauer/Arbeiterklasse tendiere,… :loudly_crying_face: Ich werde mich aber damit trösten, dass ich damit einen Schritt in die richtige Richtung mache und was gelernt habe. :thumbup: :winking_face:

    "Ned hudln. Des gibt schiache Kinder." :winking_face:

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